Realität, Fakten, Interpretationen und Populismus

Realität, Fakten, Interpretationen und Populismus

Die niederländische Psychiaterin und Politikerin Esther van Fenema beschreibt in einer Kolumne, dass Halluzinationen und Wahnvorstellungen nicht nur bei psychiatrischen Patienten, sondern auch bei gesunden Menschen auftreten.  Auch nicht-psychotische Menschen kennen Grenzsituationen unter dem Einfluss von Drogen, Alkohol oder Angst, in denen die Wahrnehmungen kaum oder gar nicht der Realität und den Fakten entsprechen. Und auch die alltägliche Wahrnehmung ist von einer Reihe sozialer und emotionaler Interpretationen, Verzerrungen und Fehlern geprägt.

Aber Fenema geht zu weit, wenn sie eine gewisse Ähnlichkeit der Wahrnehmungen und Wahrnehmungsstörungen von psychotischen und nicht-psychotischen Menschen als Grundlage nimmt, um die Existenz von Fakten und einer geteilten Realität im Allgemeinen zu bestreiten. Sie stimmt Nietzsche zu, dass es keine Fakten gibt, sondern nur Interpretationen. Fenema zitiert auch die wichtige Emotionswissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett, um die Nietzscheanische These zu unterstützen „…es gibt keine Fakten, nur Interpretationen“. Aber während Feldman Barrett in der Tat eine konstruktivistische Wissenschaftlerin ist, die aufzeigt, wie wir Menschen die Realität „konstruieren“ und nicht direkt darstellen, würde diese Wissenschaftlerin nie mit Fenemas nietzscheanischem Slogan „es gibt keine Fakten…“ einverstanden sein. In einem wichtigen Vortrag mit dem Titel „Emotions: Facts vs. Fictions“ unterscheidet sie klar zwischen Tatsachen und Fiktionen zu Emotionen. Für die Wissenschaftlerin Feldman Barrett gibt es also sehr sicher Tatsachen und Fakten!

Nur auf der Ebene der rein individuellen Wahrnehmung gibt es in der Tat keine Fakten, sondern Wahrnehmungen und Interpretationen. Aber gibt es deshalb wirklich keine Tatsachen, oder nur, wie die Populisten behaupten, „alternative Fakten“? Ist die Realität nicht festzustellen und kann die Politik dann auch auf postfaktische Politik reduziert werden?

Es ist wahr, es gibt keine Fakten, die von 100 % der Menschen als objektiv wahr anerkannt werden. Es gibt immer wieder Menschen, die zum Beispiel ernsthaft behaupten, dass die Erde flach ist:

Realität, Fakten, Interpretationen und Populismus Flache Erde Netflix Social Dilemma
Realität, Fakten, Interpretationen und Populismus: Flache-Erde-Theorie

afbeelding: Wikimpan [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

In dem wichtigen Netfix-Dokumentarfilm “The Social Dilemma”geht es darum, wie die Wahrheit durch systematische psychologische Manipulation von Technologieunternehmen verschwindet. Der Dokumentarfilm befasst sich auch mit der “Flache-Erde”-Theorie und der Art und Weise, wie Algorithmen auf You Tube Tausende von Menschen von dieser Theorie überzeugen konnten, darunter auch den Basketballspieler Kyrie Irving. (“You Tube Rabbit Hole” auf ca. 1:00 des Dokumentarfilms).

Leider spricht die Psychiaterin und Politikerin Fennema nicht über diese gefährlichen Manipulationen, die unsere Wahrnehmungen und Meinungen beeinflussen.

Aber Gesellschaft und Demokratie fallen auseinander, wenn wir uns nicht darüber einigen können, was Fakten sind. Kompromisse sind nutzlos, wenn jeder in seiner eigenen Wahrheit gefangen ist. Wahnsinn, in der Tat.

Lösungsvorschlag

In der öffentlichen Debatte ist am besten, diejenigen Behauptungen als Tatsachen zu bezeichnen, die (a) grundsätzlich intersubjektiv nachprüfbar sind und (b) von 90 % der Menschen und vor allem auch der Experten akzeptiert werden. Es ist also eine Tatsache, keine Interpretation, dass die Erde kugelförmig ist.

Populisten und Nicht-Populisten sind sich in Wirklichkeit auch über viele objektive Tatschen einig, zum Beispiel, dass Trump jetzt der Präsident der Vereinigten Staaten ist.

Es ist gut, dass es eine Diskussion darüber gibt, was in unserer Welt die objektiven Fakten sind und wie wir sie feststellen können. Eigenverantwortliche Bürger, die mitdenken und mitreden, fordern dies. Was dann wirklich zu den anerkannten Fakten gehört, wird immer Gegenstand der Debatte sein, denn immer spielen wirtschaftliche und kulturelle Hintergründe und die Interessen desjenigen, der die Fakten ermittelt, eine Rolle.

Dazu kommt: was heute eine Tatsache ist („Dieses Gemälde ist von Dürer“), kann schon morgen nicht mehr gelten („Dies ist eine Fälschung eines Gemäldes von Dürer“). Deshalb haben wir den Prozess der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen kritischen Auseinandersetzung erfunden, philosophisch basierend auf Nietzsches „Perspektivismus“.

In jeder Konfliktsituation -politisch oder persönlich – ist es darum eine gute Idee, erst einmal die gemeinsame Basis von Fakten festzustellen und das Kriterium festzustellen, auf Grund dessen beide Seiten Fakten anerkennen. Eine Diskussion ohne diese Basis ist sinnlos. Und auf der anderen Seite müssen dann die postfaktischen Diskussionteilnehmer ihre Karten auf den Tisch legen: z. B. dass sie prinzipiell nicht als Tatsache anerkennen wollen, was 90 % der Experten als Tasache anerkennt. Dann müssen sie sich auch fragen lassen, was die Folge dieser Haltung für Wissenschaft, Wohlfahrt und Gesellschaft ist.

Maria Trepp, Diplompsychologin

Autor: Maria Trepp

Psychologin, Dozentin, siehe "Kontakt und Info" rechtsoben https://passagenproject.com/blog26/maria-trepp-copywriting-psychologie-und-medizin/

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