Die Aktualität von Eriksons Theorie der Lebensspanne

Die Aktualität von Eriksons entwicklungspsychologischer Theorie (Link zu Text auf NL)

Eriksons Theorie der LebensspanneDie psychosoziale Entwicklungstheorie von Erik Erikson ist auch heutzutage immer noch bedeutsam. Regelmäßig erscheinen neue Studien zu dieser Theorie, so wie in diesem Jahr in der führenden Zeitschrift Developmental Psychology. Das psychosoziale Modell von Erikson wurde hier in einer Langzeitstudie mit erwachsenen Probanden im mittleren und höheren Lebensalter empirisch überprüft (siehe unten). Jetzt, wo sich „Entwicklungspsychologie“ zur „Psychologie der Lebensspanne“ weiterentwickelt hat, ist die Theorie von Erikson besonders relevant. Oft wird empirische Unterstützung für seine Konzepte gefunden. Dies ist bemerkenswert, weil die empirischen Grundlagen für psychodynamische Konzepte häufig fehlen und Eriksons Modell außer durch die Psychoanalyse auch durch die Literatur (kein empirisches Fach!) inspiriert wurde: Shakespeares “Seven Ages of Man”

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Persönlichkeitsveränderung im Laufe des Lebens

Persönlichkeitsveränderung im Laufe des Lebens

Was bestimmt das Handeln der Menschen? Viele von uns erklären menschliches Verhalten intuitiv mit Persönlichkeitsmerkmalen: also mit einem charakteristischen Muster des Denken, Fühlens und Verhaltens, das im Laufe der Zeit einigermaßen stabil und in verschiedenen Situationen konstant bleibt.

Um Persönlichkeitsmerkmale wüten seit den 1960er Jahren heftige wissenschaftliche Debatten, wobei einige Psychologen argumentieren, dass Situationen und nicht feste Persönlichkeitseigenschaften die wichtigsten Ursachen des Verhaltens sind. Persönlichkeit ist zum großen Teil oder jedenfalls zur Hälfte erblich. Lernpsychologen bezweifeln aber den Einfluss von Erblichkeit, und unterstreichen, dass Situationen und Lerngeschichte das Verhalten beeinflussen, mehr als stabile interne oder erbliche Faktoren.

In den letzten zwei Jahrzehnten wurde in umfangreichen Untersuchungen festgestellt, dass Persönlichkeitsmerkmale existieren, und auch durchaus das tatsächliche Verhalten einer Person vorhersagen können und auch Vorhersagekraft haben, was verschiedene Indikatoren von Lebenserfolg betrifft wie z.B. Einkommen.

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Gibt es eine Midlife-Crisis?

Gibt es eine Midlife-Crisis?

Eine neue Studie stellt fest, dass 40- und 50-Jährige häufiger eine Lebenskrise (Midlife-Crisis) erfahren als andere, und Frauen mehr als Männer. (Adult life stage and crisis as predictors of curiosity and authenticity, International Journal of Behavioral Development)

Übrigens stellt diese Untersuchung auch fest, dass wir in solch einer Krise offener für neue Erkenntnisse sind. Wir sind dann neugieriger auf uns selbst, auf andere und auf die Welt um uns herum.

Das klassische Midlife-Crisis-Modell geht von einer U-Form der allgemeinen Zufriedenheit während des Lebens aus: hoch am Anfang und Ende des Lebens, niedrig in der Mitte des Lebens. Menschen erleben im Alter von 40 und 50 oft eine Zeit der Unruhe, Unzufriedenheit und Angst. Körperliche Veränderungen wie Gewichtszunahme, schlechtere Augen, Brillenbedarf, und weniger oder graue Haare können sicher auch zu einer schlechteren Stimmung beitragen. Die Midlife-Crisis ist eine Phase schlechter Stimmung, die nicht als psychische Störung betrachtet wird, kann sich jedoch in eine Depression oder einen Burn-out weiter entwickeln.

u-Form Midlife-Crisis

Lesen Sie hier mehr: Is well-being U-shaped over the life cycle?

[und siehe hier die niederländische Version meines Blogs zur Midlife-crisis]

Im psychosozialen Entwicklungsmodell von Erikson wird diese Phase des Lebens durch einen Konflikt zwischen Stagnation und Generativität (dem Wunsch, etwas zu produzieren, das über das Individuum hinausgeht; Produktivität und Kreativität) charakterisiert. Stagnation würde dann mit dem Konzept der Midlife-Crisis zusammenfallen, oder jedenfalls mit einer Phase der Unsicherheit, bevor man die hohe Stufe der Generativität erreicht.

Witzigerweise wurde der gleiche U-Form-Effekt der Zufriedenheit bei Primaten gefunden! Dies könnte darauf hindeuten, dass biologische Faktoren, zum Beispiel hormonelle Faktoren, bei der Midlife-Crisis eine Rolle spielen, nicht nur soziokulturelle Faktoren wie hohe Arbeitsbelastung und Verantwortung für aufwachsende Kinder und älter werdende Eltern in den mittleren Jahren.

Viele Filme und Komödien haben die Midlife-Crisis zum Thema, zum Beispiel der Film American Beauty, wo ein 42-jähriger Vater Lester eine Midlifecrisis durchmacht. Seine langweilige Arbeit macht ihn nicht glücklich. Von seiner Familie erfährt er weder Dankbarkeit noch Respekt für sich selbst als Mensch, nur das furchtbare Gefühl, bedeutungslos zu sein. Er verliebt sich in die beste Freundin seiner Teenager-Tochter…

“Mid-life crisis is what happens when you climb to the top of the ladder and discover it’s against the wrong wall.” – Joseph Campbell

Aber es gibt viele Studien, die den Begriff der Midlife-Crisis ablehnen und eine andere Entwicklung der Entwicklung subjektiven Lebensglücks finden. Das Problem bei der Forschung zur Midlife-Crisis ist, dass verschiedene Generationen (Kohorten) miteinander verglichen werden. Wenn eine Langzeitstudie durchführt wird, in der eine ganz bestimmte Gruppe von Personen während des Lebens untersucht wird, kann (zumindest in bestimmten Kulturen) bei älteren Personen eine erhöhte Zufriedenheit im Leben festgestellt werden. (Siehe Scientific American, Most People Get Happier as They Approach Midlife.

Maria Trepp, Psychologin und Übersetzerin

 

Pluralistische Ignoranz

Pluralistische Ignoranz ist ein Begriff aus der Sozialpsychologie. Dieser Begriff beschreibt eine Situation, wo die Mehrheit der Gruppe ein Verhalten oder eine Meinung ablehnt, aber die Personen einzeln (und im Widerspruch zur Wirklichkeit!) davon überzeugt sind, dass die anderen Gruppenmitglieder das abgelehnte Verhalten oder die abgelehnte Meinung sehr wohl gut finden (oder auch umgekehrt: man selbst lehnt etwas ab, glaubt aber zu Unrecht, dass andere dies gut finden). Wenn Personen in einer Gruppe sich in einer unsicheren und schwer zu beurteilenden Situation befinden, und niemand weiß, wie man handeln soll, achtet man gern auf andere und deren Verhalten. Dieses Verhalten der anderen wird dann oft nicht als Unsicherheit interpretiert (während diese Interpretation auf der Hand liegt, wenn man auch unsicher selbst ist), sondern als Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Man interpretiert daher das Verhalten anderer, die sich gleich verhalten wie man selbst, anders als das eigene Verhalten und passt sich dann auch noch an die verkehrt aufgefasste allgemeine Meinung an. Unterschiede zwischen privater Meinung und öffentlichem Verhalten sind in der sozialpsychologischen Literatur als eine Form von sozialem Einfluss gut dokumentiert. Sozialer Einfluss spielt auch eine zentrale Rolle bei diesem Phänomen der pluralistischen Ignoranz.

Beispiele:

  1. Der Lehrer fragt, ob es irgendwelche Fragen gibt. Niemand sagt etwas. Viele Teilnehmer nehmen dies als ein Zeichen dafür, dass die anderen alles verstanden haben, und dies, während die anderen Teilnehmer auch unsicher sind oder Fragen haben und selbst auch auf die Reaktionen der Gruppe achten.
  2. Des Kaisers neue Kleider: das Märchen von Hans Christian Andersen: jeder sieht, dass der Kaiser keine Kleider hat, aber glaubt fälschlicherweise, dass die anderen Leute sehr wohl die Kleidung des Kaisers sehen können. Man sagt nichts, um nicht dumm oder abnormal zu erscheinen.

pluralistische Ignoranz Kaisers neue Kleider

  1. Trinkgewohnheiten unter Studenten und der Einfluss von Gleichaltrigen auf diese Gewohnheiten. Untersuchungen zu Alkoholkonsum unter Studenten haben gezeigt, dass die meisten Studenten der Meinung waren, dass ein durchschnittlicher Student  viel positiver gegenüber Alkoholkonsum stand als sie selbst … aber dies dachte die Mehrheit der Studenten, während es logisch nicht wahr sein kann, dass es für mehr als die Hälfte der Studenten gilt, dass der durchschnittliche Student Alkoholkonsum positiver bewertet als der Student selbst!

Siehe Deborah A. Prentice, Dale T. Miller, Pluralistic Ignorance and Alcohol Use on Campus
Some Consequences of Misperceiving the Social Norm, Journal of Personality and Social Psychology, February 1993 Vol. 64, No.
2, 243-256

  1. Viele Beispiele von Vorurteilen: eine aktuelle Studie zeigt, dass viele Amerikaner über Atheisten nicht negativ denken, aber (zu Unrecht) denken, dass ihr Umfeld negativer ist als sie selbst, und darum eine öffentliche ablehnende Haltung einnehmen. (When Private Reporting Is More Positive Than Public Reporting: Pluralistic Ignorance Towards Atheists)
  2. Das bekannteste Beispiel der pluralistischen Ignoranz ist der Zuschauereffekt. In einer Notsituation mit mehreren Zuschauern greift niemand ein, da jeder die zögerliche Nichteinmischung der anderen als eine bewusste Entscheidung versteht und daraus ableitet, dass Maßnahmen nicht erforderlich sind.
  3. Halbesleben et al. (2007) argumentieren, dass die pluralistische Ignoranz der Grund sein kann, dass Arbeitnehmer ihre wahre Meinung zu einem Thema nicht mit Kollegen teilen, weil man denkt, dass die Gruppenidentität verteidigt werden muss und dass die Gruppe stillschweigend eine andere Meinung hat als man selbst. Das Ergebnis ist dann eine höhere Belastung und ein geringerer Grad der Beteiligung bei den Mitarbeitern. Für die Organisation als Ganzes kann pluralistische Ignoranz zu einer schwachen Organisationskultur führen, die eigentlich nicht von den Mitgliedern der Organisation unterstützt wird. Dies kann zu schlechten Entscheidungen führen, weil die Mitarbeiter ihre eigenen Überzeugungen nicht zum Ausdruck bringen und sich an eine vermeintliche gemeinsame Meinung anpassen.

Halbesleben JRB, Wheeler AR, Buckley MR (2007) Understanding pluralistic ignorance: application and theory. Journal of Managerial Psychology 22(1):65–83

  1. In Smarter Than You Think: How Technology Is Changing Our Minds for the Betterbeschreibt Clive Thompson die systematische Verwendung von pluralistischer Ignoranz durch autoritäre Regimes. Wenn jeder denkt, dass andere das Regime tolerieren, wird niemand den Aufstand wagen (siehe auch die Kleidung des Kaisers). Clive Thompson meint, dass die Verbreitung der digitalen und sozialen Medien die pluralistische Ignoranz aufheben kann. Aktivisten und Unterstützer können nun miteinander über die (versteckten) Ziele, Aktionen und Meinungen kommunizieren.

Maria Trepp, Psychologin und Übersetzerin