Aus: Passage(n)-Projekt. Űber das weite Feld zwischen Max Nordau, Walter Benjamin und der Christoph-Hein-Rezeption an der Universität Leiden
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Maria Trepp www.passagenproject.com
Zusammenfassung
Meine Arbeit postuliert die folgenden wesentlichen Zusammenhänge:
1. Christoph Heins Stück Passage stellt eine Modellierung dar von Max Nordaus Schriften, vor allem von dessen Buch Entartung. Christoph Hein stellt Walter Benjamins Passagen-Werk als ein Produkt entarteten Denkens dar.
2. Christoph Heins Denken kann mit guten Gründen faschistisch und antisemitisch genannt werden.
3. Günter Grass hat sich ausführlich mit Hein und dessen faschistoiden und antisemitischen Denkbildern auseinandergesetzt, vor allem, aber nicht nur, in Ein weites Feld.
Kapitel 7 “Ein weites Feld”- der Antisemitismus bei Christoph Hein und Max Nordau© Maria Trepp 2004, 2005, 2012 Alle Rechte vorbehalten
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Neue Untersuchungen (Peter Longerich) sprechen von dem „Latenten Antisemitismus“ in Deutschland.“
Der Begriff “Antisemitismus” wird unterschiedlich definiert. Einer engen Definition nach ist Antisemitismus immer auch (genetischer) Rassismus, so wie z.B. der nationalsozialistische Antisemitismus ein Rassismus war. Aber historisch gesehen waren nicht alle Antisemiten auch Rassisten: ein “Klassiker” des Antisemitismus, Paul de Lagarde meinte zum Beispiel: “Das Deutschtum liegt nicht im Geblüte, sondern im Gemüthe”[1]. Personen, die wesentlich zur Verbreitung des Antisemitismus in Deutschland beigetragen haben, wie der wilhelminische Hofprediger Adolf Stoecker und der Berliner Historiker Heinrich von Treitschke (“Die Juden sind unser Unglück!”) haben bei aller Agitation einem Rassenantisemitismus nicht offen zugestimmt.[2] Häufig wird auch die nicht-rassistische Judenfeindlichkeit als Antisemitismus bezeichnet, weil “auf der mentalitätsgeschichtlichen Ebene der Vorurteilsbildung [...] sich zwischen der traditionellen Judenfeindschaft und dem modernen Antisemitismus eine klare Trennungslinie nicht ziehen [läßt]”[3]. Heins Antisemitismus ist zunächst nicht rassenbiologisch orientiert, weil seine Judenfeindlichkeit u.a. in der Unterscheidung guter Jude/ schlechter Jude besteht. Doch zeigt sich gerade an Hein, wie wenig sich rassenbiologischer und nicht-rassistischer Antisemitismus unterscheiden lassen, denn Hein lehnt sich in seiner Auffassung vom Judentum nachweisbar an Max Nordau an, dessen Antisemitismus wiederum ausdrücklich rassentheoretisch begründet ist.
In der letzten Zeit werden in Literaturkritik und Gesellschaft hitzige Antisemitismus-Diskussionen geführt. Viele zeigen sich unzufrieden mit einer Literaturkritik, die Bücher als antisemitisch bezeichnet und deswegen verwirft. Martin Walser hat in seiner Friedenspreisrede 1998 schon von Auschwitz als “Moralkeule” gesprochen und dabei viel Beifall geerntet. Weithin besteht ein großer Konsens über die Ablehnung aller Moralkeulen, und allseits wird das Bedürfnis, ständig alles auf Auschwitz zu beziehen, als unzureichend gesehen. Es lassen sich zahlreiche Beispiele dafür anführen, daß Bücher und Personen zu unrecht wegen Antisemitismus angegriffen wurden. Dennoch kann aus der Tatsache, daß der Begriff Antisemitismus oft und vielleicht sogar überwiegend mißbraucht wird, nicht abgeleitet werden, daß ein Buch nicht als antisemitisch klassifiziert werden darf oder daß die künstlerische Qualität eines Textes immer völlig unabhängig vom Gehalt an Menschenwürde sei.
Für die Analyse von Heins Antisemitismus gilt: Heins Antisemitismus kann konkret am Text von Passage nachgewiesen werden. Heins Antisemitismus besteht erstens in der Kontrastierung guter Jude/ schlechter Jude, zweitens im Gebrauch von alten antisemitischen Metaphern (Teufel, Pest, Schmarotzer), drittens im bejahenden Bezug auf Max Nordaus antisemitische, zionistische Schriften viertens in der verharmlosenden und sozialdarwinistischen Darstellung der Judenverfolgung und fünftens in einer Vertauschung von Opfer und Täterrolle beim Gedenken an die Judenvervolgung..
Günter Grass’ Roman Ein weites Feld stellt eine Auseinandersetzung mit Hein und seinem Antisemitismus dar. Dieser Roman ist bei seinem Erscheinen auf großen Protest gestoßen. Vor allem Marcel Reich-Ranicki, der schon die Blechtrommel kein gutes Buch fand, hat das Buch verrissen und auf dem Spiegel-Titelbild sogar zer-rissen. Ein weites Feld wurde von vielen als ein billiger Versuch des Autors gesehen, sich mit Fontane zu identifizieren und die BRD-Gesellschaft nach der Wende zu kritisieren. Dieser Roman hat jedoch auch ganz andere, literarisch und intertextuell sehr komplexe Seiten. “Ein weites Feld” ist nicht nur ein Fontane-Zitat, sondern auch ein Hein-Zitat, und zwar aus Heins Rede Ein bißchen laut (1990),[4] in der Hein abfällig über den Selbstmord der Juden Kurt Tucholsky und Walter Benjamin spricht. Grass macht in seinem Roman die geistesgeschichtliche Verbindung zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Ende des 20. Jahrhunderts transparent. Christoph Hein wird von Grass sowohl in die Tradition des antisemitischen wilhelminischen Hofpredigers Stoecker als auch in die Tradition von Max Nordau und des Kreuzzeitungsmannes Georg Hesekiel eingeordnet. “Ein weites Feld” zitiert schon im Titel sowohl Fontane als auch Hein. Noch komplexer wird der Titel durch die Tatsache, daß Fontane und Hein den Berührungspunkt Max Nordau teilen: Fontane kannte und schätzte Nordau,[5] figuriert selbst (positiv) in einem Roman von Nordau Die Krankheit des Jahrhunderts (1889) und hat eine Nordau-Satire Der Vater vons Janze (1893) geschrieben.[6] Nordau kommt in Ein weites Feld zurück als Fontys Literaturfreund, der Sanierer, Treuhandchef und “Chef vons Janze”[7], dem die “Chefin vons Janze” nachfolgt, die noch “einen Zahn draufgelegt” hat. “Die zuckt mit der Wimper nicht. Hat die nicht, kennt die nicht: Angst.”[8]
Ein weites Feld kann als ein Beitrag in einer zum Teil innerliterarisch ausgefochtenen Auseinandersetzung zwischen Hein und Grass betrachtet werden. Die ideologischen Differenzen zwischen Grass und Hein wurden schon 1992 in einem der in Zeit veröffentlichten Gespräch deutlich.[9] 1993 hat Hein in Randow dann Grass im negativen Sinne zitiert;[10] Ein weites Feld ist wiederum 1995 Grass’ selbstironische Auseinandersetzung mit Hein. Und Heins Willenbrock (2000) kann unter anderem als Heins Antwort auf Ein weites Feld gesehen werden; Grass’ Krebsgang (2002) wieder als Antwort hierauf, und Heins neuester Roman In seiner frühen Kindheit ein Garten (2005) als Antwort auf Grass’ Krebsgang.
Grass stellt in seinem Roman Ein weites Feld die Bundesrepublik nach der Wende als eine Neuauflage der fortschrittsgläubigen und wirtschaftsliberalen Gründerzeit dar. Wie sehr er Recht mit seiner Darstellung hat, wird an Christoph Hein und der Hein-Rezeption deutlich: zum Ende des 19. Jahrhunderts erfreuten sich der antisemitische Hofprediger Stoecker und der Entartungsgegner und Hetzer gegen moderne Kunst und Philosophie Max Nordau größter Beliebtheit, zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hat es ihr Geistesbruder Christoph Hein geschafft, mit einem Buch, das Selbstjustiz modellhaft vorführt und Hitler und Stalin anerkennend nennt, in den Suhrkamp-Verlag aufgenommen zu werden und von einer Leidener Germanistik-Professorin mit größtmöglichstem persönlichen Einsatz verteidigt zu werden. Es ist deswegen kein Zufall, daß Grass, dem die Hein-Rezeption auf jeden Fall ein Dorn im Auge gewesen sein muß, auch die neoliberale Literaturwissenschaft selbst zur Zielscheibe seiner Kritik macht. Max Nordau selbst wußte auch schon, daß auf Professoren Verlaß ist. Professoren gehören zur “Regierungsmaschine”; deshalb fallen nach Nordaus Ansicht auch Professoren und Akademikern weit größere Ehren zu als Dichtern und Künstlern.[11] Nordaus Hetze gegen die modernen Künstler erwartet sich deshalb auch zuallererst Stütze von den Professoren.[12]
Grass erwähnt Hein in Ein weites Feld einmal mit Namen.[13] Es gibt aber deutliche Hinweise darauf, daß Hein in indirekter Form noch weitere Male auftaucht. Auf die Hein-Aspekte der Fonty -Figur wurde schon hingewiesen.[14] Wer Heins alttestamentarisch-patriarchalisches Denken kennt, wird aber auch aufmerksam, wenn in dem Abschnitt, der mit dem Stichwort beginnt: “So baute Fonty beiden Vätern ein Denkmal”[15] einige DDR-Schriftsteller aufgezählt werden; dabei auch eine Frau, die Billig-Literatur produziert, namens “Ludovica Hesekiel”, ein “Blaustrumpf” mit “Sechser-Moral und Dreier-Patriotismus”. Das Kritische Lexikon der Gegenwartsliteratur kennt keine Autorin dieses Namens. Es gab eine historische Ludovica Hesekiel (1847-1889), Tochter des Kreuzzeitungsmannes Georg Hesekiel; jedoch ist diese Ludovica als historische Person offensichtlich im genannten Zitat, das auf DDR-Autoren zielt, nicht gemeint. Dagegen paßt der alttestamtentarische Name Hesekiel ausgezeichnet auf Hein, ebenso wie die anderen Ludovica[16] zugeordneten Attribute. Das Stichwort “Hesekiel” taucht später noch einmal auf,[17] und trägt dazu bei, die Hypothese zu stützen, daß Ludovica Hesekiel ein Deckname für Hein ist: Hesekiel heißt Fontys Hündchen; dieser Name könnte also für eine hündische autoritätshörige Untergebenheit stehen[18] (der Dackel Hesekiel selbst hört übrigens lieber auf “Fifi”). “Hesekiel” heißt darüber hinaus auch ein Kreuzzeitungsmann und “Erzreaktionär”,[19] der historische Vater Ludovikas Georg Hesekiel, dessen Bücher Fontane respektvoll besprach. Wie oben schon aufgezeigt, versteckt sich schon hinter Heins Namengebung für das “Frankfurther” Würstchen eine komplexe Intertextualität. Auch bei Grass ist die Namengebung raffiniert. Mit dem “Kreuzzeitungsmann Hesekiel” macht Grass nicht nur von der historischen Verbindung Fontane-Hesekiel Gebrauch, er spielt auch auf die geistige Verbindung Hesekiel-Nordau-Hein an.[20] Die Reaktion von Hesekiels Kreuzzeitung auf Nordaus Entartung war enthusiastisch.[21] Hesekiel, “Jeremias”[22] Nordau und “Hesekiel” Hein gebrauchen alle drei Literatur bewußt als Waffe - Hein ist wirklich alles andere als ein neutraler Chronist!- , und hängen einer populistischen “Volkstümlichkeit” an.[23]
Auch an anderen Stellen in Ein weites Feld lassen sich Hinweise auf Hein finden. Vor allem der Hofprediger, “Judenfresser” und Begründer der christlich-sozialen Tradition Adolf Stoecker verweist auf Hein: der Stoeckersche Antisemitismus wird als gerade heute wieder populäre Auffassung beschrieben.[24] Auch die Beschreibung von Fontanes Sohn Theodor läßt aufhorchen: ein “Prinzipienreiter”, eine “Tugendsäule”, wenn auch ein “Schlauberger”. “Soll man ihn auffliegen lassen? Jetzt noch, nach Ladenschluß?”[25] “Schon bald könnte sich zeigen, daß selbst Du, der Tugendritter, in keine Vortrefflichkeitsschablone mehr passen wirst...”[26] Schließlich zielt in Ein weites Feld wohl auch Fontys Bemerkung über “den letzten Verbandspräsidenten der schreibenden Zunft” ” ‘einen Scribifax, den Gott in seinem Zorn erschaffen hat’ ”[27] auf Hein - auch diesem Zitat geht wieder der Hinweis auf “den beiden Vätern ein Denkmal bauen”[28] voraus. Ein Scribifax, der von einem alttestamentarischen Gott erschaffen wurde: das kann nur Christoph Hein sein!
Die Frage kann gestellt werden, warum Grass seine Hein-Kritik so stark verschlüsselt hat. Der Grund kann sicher nicht nur in Heins Hintergrund als Ossi gesucht werden. Vermutlich war Grass der Überzeugung, daß ein direkter Angriff nur auf Unverständnis und Abwehr gestoßen wäre und daß man Hein in Schutz genommen hätte. Die Aufklärung, die Grass betreibt, ist indirekt. Heinz Brandt begründet aus seiner Erfahrung von Diskussionen mit Mitgefangenen im Konzentrationslager und aus deren Angst und Abwehr eine indirekte Aufklärungsstrategie: “Wir wollen weder Verzweiflungsstimmung heraufbeschwören noch Fememethoden der Verdunkelten provozieren. So stellten wir auf die sokratische Methode um: Fragen stellen … Fragen, die zum Nachdenken zwingen, zu fruchtbarem Zweifel führen, ohne zur Verzweiflung zu treiben. Immer wieder auf den Widerspruch zwischen Realität und Doktrin durch Fragen hinzielen. Die Antwort den Befragten aufgeben, sie nicht selbst übernehmen. Die Sucht nach ,maximaler Aufklärung‘ überwinden.“[29]
Grass vertraute zu Recht darauf, daß “die Wahrheit ein Kind der Zeit”[30] sei und daß Literatur eine “Zeitbombe mit Spätzündung”[31] sein kann. Anstelle einer zu harten Enthüllungsstrategie, die nur auf Widerstand gestoßen wäre und Hein gedient hätte, setzt er auf eine organische, diffuse Aufklärung. Die Zeit arbeitet für die wahrhaftige Aufklärung und gegen Hein. Mit Willenbrock hat Hein, wie auch die Reaktionen im Literarischen Quartett[32] zeigten, die Grenze des Akzeptablen für viele, selbst für so konventionelle Literaturkritiker wie Reich-Ranicki[33], überschritten. Die Zeit ist reif für die Anti-Hein-Offensive auf breiterer Basis.
In Passage wird mit der Darstellung der Flucht und Verfolgung von Juden und Kommunisten auf kollektives Wissen über den Faschismus zurückgegriffen. Dramatische Texte greifen sehr häufig mythische oder historische Stoffe auf. So können bekannte Sachverhalte produktiv eingesetzt werden. Vorauszusetzende geschichtliche Kenntnisse werden in Passage genannt, aber nicht dazu benutzt, um die Mechanismen und Fakten der Verfolgung auf der deutschen Seite weiter zu untersuchen.[34] Vorkenntnisse werden mit neuen Informationen nur ergänzt, um zu zeigen, daß das Ausland auch schuld ist, und daß auch die Verfolgten selbst zu wenig tun, um ihre schlechte Lage zu verbessern.
Historische Vorinformation, die beim Zuschauer/Leser vorausgesetzt wird, macht dramatische Ironie möglich, die immer dann auftritt, wenn “die sprachliche Äußerung oder das außersprachliche Verhalten einer Figur für den Rezipienten aufgrund seiner überlegenen Informiertheit eine der Intention der Figur widersprechende Zusatzbedeutung erhält”.[35]
In Passage entsteht dramatische Ironie durch das Wissen der Leser/Zuschauer um den Holocaust, das die Figuren nicht besitzen. Zum Beispiel diskutieren die Flüchtlinge die Judenvergasung und sind sich alle einig, daß dies ein übertriebenes Märchen ist. Nur der so negativ charakterisierte Frankfurther scheint plötzlich etwas hellsichtiger zu sein und fragt sich, ob die Nachricht von der Judenvergasung wahr sein könnte. Aber wie sich schnell herausstellt, ist diese Äußerung nur wieder eine Vorlage für Diffamierung, Otto wird seine Anklage über Frankfurthers Zusammenarbeit mit der brauen Pest los. Und Frankfurther zeigt danach auch gleich, was der Leser von ihm erwarten kann: Wirklichkeitsverkennung. Diese wird außerdem auch noch an seine Areligiosität gekoppelt, die später wieder sehr gut kontrastiert mit dem sicheren Gottesvertrauen Hirschburgs: “FRANKFURTHER: Und was ist, wenn es wahr ist, Otto? Wenn sie die Juden in Deutschland umbringen? Wenn es kein Gerücht ist? OTTO: Es ist unmöglich. FRANKFURTHER: Ja, es ist gar nicht möglich. Es ist nicht möglich. Es ist so unmöglich wie Gott.”[36]
Das Problem der Wirkung im äußeren Kommunikationssystem dieser Szene ist nicht, daß die Verfolgten nicht an die Vernichtungslager glauben wollen (die es historisch zu dieser Zeit –1940- noch gar nicht gab). Das Problem ist, daß die Verfolgung in ihren historischen Fakten angesprochen wird, daß aber die Geschichte nur mißbraucht wird. Der ganze zwei Seiten lange Wortwechsel über die Judenvergasung hat in der Gesamtheit des Stücks nicht die Funktion, Kritik an der Judenvernichtung durch Deutsche zu geben, sondern dient der Kritik an Frankfurther. Seine Ahnungslosigkeit ist nämlich viel schlimmer als die der anderen Figuren, weil sie mit seiner Anmaßung als Wissenschaftler und Philosoph konfrontiert werden muß: obwohl er als einziger etwas über die Wirklichkeit ahnt, macht er durch seinen Unglauben an Gott und sich selbst keinen Gebrauch von seinem inneren Wissen. Der Zuschauer weiß, daß möglich war, was Frankfurther nicht für möglich hält. Pfister erläutert die dramatische Ironie am Beispiel des Ödipus.[37] Auch in Passage wird eine Verbindung zwischen Frankfurther und Ödipus gemacht. Wie in der griechischen Tragödie wird auch hier die begrenzte Einsicht der Figur deutlich. Weil sich aber Passage nicht an das griechische Weltbild anlehnt, sondern eine moderne Machbarkeit des Lebens vertritt, drängt sich als Schlußfolgerung auf: er hätte es wissen können und er hätte es wissen müssen. Hirschburg jedenfalls zeigt am Ende des Stücks, daß bodenständiger Instinkt die Problematik der polnischen Juden aus der Gegend um Auschwitz gut erfassen kann, und, was mehr ist - ihnen sogar noch helfen kann. Der Bemerkung Frankfurthers über Gott kommt in vieler Hinsicht größte Bedeutung zu: strukturell, weil sie die letzte Äußerung Frankfurthers im Stück ist und seinem Selbstmord unmittelbar vorhergeht, und philosophisch, weil in der Frage der Religiosität oder im übertragenen Sinne: des Idealismus Hein und Benjamin einander unversöhnlich gegenüberstehen.
In Gerard Reves zum Teil autobiographischem Roman Het Boek Van Violet En Dood wird eine Reaktion a là Hirschburg (individuelle Tüchtigkeit und positives Denken) auf die deutsche Besetzung ironisiert (Reve war im Krieg als niederländisches Kommunistenkind an Widerstandsaktivitäten beteiligt): “Het waren moeilijke tijden, maar moest ik het mijzelve nòg moeilijker gaan maken? Ons kleine landje aan de zee maakte weliswaar een tragische tijd door, vol dreiging en gevaar, maar als ik goed oplette en mij voorzichtig bleef gedragen, dan zoude dat gevaar best mede vallen. Ja, op de terugweg zoude ik op die boot nog eens dezelfde controle moeten ondergaan, maar als mijn papieren op de heenweg in orde waren bevonden, waarom zouden die dan op de terugweg moeilijkheden opleveren? Een mens kon zijn eigen net zo gek maken als hij zelf wilde, maar wat had men daaraan? Gevaren, ja, die waren er, want het gehele leven was immers één lange een gevaarlijke reis, één bange vlucht dus, ja voor wat? Voor de dood? Had ik dat ergens gelezen: Eén Bange Vlucht Voor De Dood? Waarschijnlijk wel, want zoiets bedacht je niet zelf als je goed bij je verstand was. Pessimistische dichtkunst was het, dat was duidelijk want de literatuur van de bourgeoisie was niet opbouwend maar door en door negatief, teneinde de arbeidersjeugd van de klassenstrijd af te houden.”[38] “Es waren schwere Zeiten, aber mußte ich es mir selbst noch schwerer machen? Unser kleines Land am Meer machte zwar eine tragische Periode durch, voll Drohung und Gefahr, aber als ich gut aufpaßte und mich vorsichtig benahm, dann würde alles gut gehen. Ja, auf dem Zurückweg mußte ich die gleiche Kontrolle nochmals mitmachen, aber warum sollte diese dann Schwierigkeiten machen? Jeder Mensch konnte sich selbst verrückt machen, wenn er wollte, aber was hat man davon? Gefahren, ja, die waren da; das ganze Leben war ja eine lange und gefährliche Reise, eine ängstliche Flucht also, ja wovor? Vor dem Tod? Hatte ich das irgendwo gelesen, Eine Ängstliche Flucht Vor Dem Tod? Wahrscheinlich schon, denn sowas denkt man sich nicht selbst aus, wenn man vernünftig ist. Pessimistische Dichtkunst war das, das war deutlich, denn die Literatur der Bourgeoisie war nicht aufbauend, sondern durch und durch negativ, mit dem Ziel, die Arbeiterjugend vom Klassenstreit abzuhalten.”
Scheinbar nimmt hier Reve die Bourgeoisie-kritische Weltsicht Heins ein, aber mit einem gegensätzlichen Effekt, nämlich dem, daß eine solche simple Welt- und Literaturanschuung deutlich und kritisierbar gemacht wird.
Das Stichwort „Auschwitz“ in Passage in Verbindung mit Frankfurther hat noch einen anderen Aspekt. Frankfurthers Selbstmord muß bei dem Gedanken an Auschwitz zur Bagatelle werden, jedenfalls wenn man mit Michael Rohrwasser und Günter Anders einig ist: “Der Blick auf eine vom Genozid bedrohte Menschheit; der Blick auf die Leichenberge des Faschismus und Stalinismus nimmt dem Selbstmord die heroische Geste, von der Baudelaire gesprochen hat. Die schwärzeste Zukunft weckt die Beschäftigung mit dem Tod, aber im Schatten der Inflation der Toten wird auch der Selbstmord entwertet [...] ‘Denn wenn’ schreibt Günter Anders, ‘Millionen straflos umgebracht werden können, dann wird eben, da nur ein Einzelner zum Opfer fällt, auch der Selbstmord zur Bagatelle.’ “[39]
Die Abwertung des einzelnen Todes in diesem Zitat ist unethisch; ein einzelner Tod bleibt ebenso einzigartig im Vergleich mit Millionen anderen, wie es ein einzelnes Leben neben Milliarden anderen ist. Das Bemühen vieler Literaten und Künstler ist denn auch, im Zusammenhang mit dem Holocaust gerade die einzelnen, auch oft unauffälligen Namen und Schicksale bekannt zu machen und die Einzelnen aus der Anonymität des Vergessens zu holen. Hein dagegen macht den Tod Benjamins zur Bagatelle. Dafür es auch wichtig, daß Frankfurther sich selbst pathetisch eine tragische Haltung zuspricht (mit dem Hinweis auf die griechische Tragödie), denn dies kann dann mit gutem Gewissen als falsche Pathetik entlarvt werden.
Ein wichtiges Thema in Passage sind die Untaten und Unterlassungen des Auslands.[40] Die folgende Äußerung wirkt sehr stark, weil zwischen Kurt und Frankfurther schon ein großer persönlicher Gegensatz aufgebaut worden ist, der die Übereinstimmung in diesem Punkt auffälliger erscheinen lassen muß: “FRANKFURTHER: [...] Hier sind wir lediglich ‘auf Verlangen auszuliefern’, Artikel 19, vergessen Sie den nie, Kurt. KURT: Die sind nicht besser ...”[41]
Der explizite Teil wurde mit Pünktchen ersetzt, aber implizit steht hier: “Die sind nicht besser als die Deutschen”, oder in logischer Umkehrung, die die Apologie sichtbar macht: “Die Deutschen sind auch nicht schlimmer als die anderen.” Nirgendwo wird im Verlauf des Stücks etwas gesagt oder getan, das diesen Satz zurücknehmen oder relativieren würde, umgekehrt wird er in verschiedenen Varianten wiederholt. Deswegen kann er nicht nur den beiden Figurenperspektiven zugeordnet werden. Im ganz Allgemeinen ist es sicher wahr, daß “die Deutschen auch nicht schlimmer sind als alle anderen”, aber im historischen Kontext kann das Opfer nicht mit den Angreifern auf eine Stufe gestellt werden, selbst wenn dem Opfer Kollaboration nachgewiesen werden kann.
Die darauffolgende Stelle läßt eine andere Figur, Lenka, mit Kritik an den Franzosen hervortreten; Frankfurther hat hier die Aufgabe der Scheinverteidigung, um eine Vorlage für den erneuten Angriff zu geben: “FRANKFURTHER: [...] Die Franzosen haben alle Lager noch rechtzeitig geöffnet. Sie werden doch nicht Antifaschisten in die Hände der Nazis fallen lassen. LENKA: Und Les Milles? Man hat das Lager an die Deutschen ausgeliefert. Haben Sie das vergessen? KURT: Ja. Und das Lager Gurs? Auf Verlangen ausgeliefert. Und Le Vernet? Fünfhundert Antifaschisten auf Verlangen ausgeliefert.”[42]
In der folgenden Äußerung geht es gegen Spanien, aus der Perspektive einer anderen Figur, einer Jüdin: “LISA: Spanien erkennt die Visa aus Marseille nicht mehr an. Sie verlangen ein Visum aus Paris, aus der besetzen Zone. HIRSCHBURG: Ich kann aber nicht nach Paris fahren. LISA: Natürlich nicht.”[43]
In der nächsten Replik wird die Anklage auf die ganze Welt erweitert: “OTTO: Die Welt kann uns schließlich nicht verrecken lassen. Man kann doch nicht tatenlos zusehen, wie wir an die Nazis ausgeliefert werden. FRANKFURTHER: Die Welt muß nicht zusehen. Sie wird schlicht und einfach weggucken.”[44]
Scheinbar wird diese Äußerung Frankfurthers durch die folgende Replik entkräftigt: “OTTO: Sie sind ein Feigling und ein Opportunist. [...]”
Dies ist aber nicht als eine Relativierung der Aussage Frankfurthers zu sehen, sondern paßt zu der negativen Charakterisierung Frankfurthers. Deswegen setzt die folgende Äußerung auch wieder gleich die Beweisführung gegen das Ausland fort, jetzt gegen die USA: “LISA: [...] Die USA haben ihre Einreisequoten nicht heraufgesetzt […] Im Gegenteil. Derzeit läßt es kaum die Hälfte der gesetzlich erlaubten Einwanderungen zu. Das Komitee hat in Washington mehrmals protestiert. Alles erfolglos.” [45]
Auch die Tschechen sind mitschuldig, wenn auch nicht politisch, sondern als private Verräter: Lenkas Familie wurde von ihrer Köchin verraten.[46]
Die Schuld des Auslandes an der Judenverfolgung wird von Antisemiten und Nazi-Sympathisanten gerne hervorgehoben. ***Gesine Schwan zitiert in Schuld und Politik Christopher R. Browning zum „Rechtfertigungsdrang“ der Angehörigen des Polizeibatallions 101: „Sie zeichneten das Bild ‚einer recht gutmütigen deutschen Besatzungspolitik in Polen’ und warfen den Polen vor, viele Juden an die Deutschen ‚verraten’ zu haben. Bezeichnend ist dabei, daß den deutschen Polizisten die moralische Kategorie ‚Verrat’ durchaus gegenwärtig war, daß sie aber eine völlige Verzerrung der Situation vornahmen. Denn sie verschwiegen, daß so manche Polen trotz der Lebensgefahr von deutscher Seite Juden geholfen hatten und dafür von den Deutschen oft mit dem Tod bestraft worden waren, daß die Todesgefahr für die Juden ja überhaupt von Deutschland und nicht von Polen ausging und daß viele Deutsche Polen zum Verrat angestiftet hatten.“[47]
Zwar gesteht Christoph Hein den Franzosen zu (am Beispiel Rosa Grenier) , daß sie den Juden geholfen haben; gleichzeitig wird jedoch die Undankbarkeit und Lästigkeit der Juden hervorgehoben. Weite Teile des Textes in Passage liefern in allen Facetten Kritik an den Verfolgten und ihrem Handeln, wobei die Opfer durch ihre Äußerungen entweder einander oder auch sich selbst entlarven. So attackiert Kurt Frankfurther: “Schweigen! Wir haben zu reden. Wir haben die Wahrheit zu sagen. Wenn Sie nur schweigen wollten, hätten Sie Deutschland nicht verlassen müssen. Schweigen kann man immer in Deutschland.”[48]
Diese Äußerung kann nicht ausschließlich auf die Figurenperspektive bezogen werden. Die hier ausgedrückte Meinung wird im Stück vielfach wiederholt. Und: das Stück bietet keine valide Gegenmeinung. Allein die Tatsache, daß Kurt, wie alle Figuren im Stück, unsentimental geschildert wird und keineswegs eine Identifikationsfigur ist, ändert nichts an der Tatsache, daß die hier vorgetragene Meinung im Gesamtkontexts des Stücks als begründete Stellungnahme gesehen werden muß. Während man mit seinem geschichtlichen Vorwissen davon ausgehen kann, daß die Hauptmotivation der Flüchtlinge zur Flucht die persönliche Gefährdung war, wird hier angegeben, daß Flüchtlinge immer im Widerstandskampf aktiv bleiben müssen. Dies ist sicher ein Anliegen vieler Flüchtlinge gewesen. Dadurch aber, daß dieses Motiv gegenüber der Angst vor Verfolgung in den Vordergrund gerückt wird, läßt sich plötzlich alles Verhalten der Flüchtlinge an der moralischen Richtschnur des mutigen Kampfes gegen den Faschismus messen. Diejenigen Flüchtlinge, die, aus welchen Gründen auch immer, dieser hohen Zielsetzung nicht entsprechen, können leicht als feige und egoistisch verdammt werden. Dies wird noch deutlicher hervorgehoben, wenn Marie Grenier später Kurt unterstellt, daß er von Amerika aus nicht genug gegen den Faschismus kämpfen wird. Damit greift sie scheinbar Kurt an, aber in Wirklichkeit untermauert sie nur seine oben hart formulierten Forderungen an sich und alle anderen Flüchtlinge: “MARIE GRENIER: Was wirst du tun in Amerika? KURT: Kämpfen, Marie. Auch in Amerika werde ich gegen Hitler kämpfen. MARIE GRENIER: Den ganzen Tag? KURT: Natürlich. Was soll die Frage? MARIE GRENIER: Aber du hast doch auch einmal Feierabend. KURT: Im Kampf gegen Hitler gibt es keinen Feierabend. MARIE GRENIER: Aber du wirst dir doch auch Amerika ansehen, die Städte, New York. Du wirst in die Cafés gehen, dir die amerikanischen Mädchen ansehen. KURT: Ich gehe nicht nach Amerika, um mir dort die Mädchen anzusehen.”[49]
Nur oberflächlich betrachtet geht es hier um Eifersucht. In bezug auf die historischen und politischen Ereignisse wird wiederholt auf einen Kampf gegen Hitler rund um die Uhr gepocht - was grob unethisch ist, wenn dies nicht nur als Appell, sondern als Beurteilungskategorie von Verhalten aufgestellt wird. So wird die Anforderung an die Flüchtlinge in die Äußerung einer verliebten Frau verpackt, um unter der Oberfläche der Eifersucht alle Flüchtlinge zu diskreditieren, denen ungenügende Aktivität nachgewiesen werden kann.
Schiller meinte zu hohen Idealen als Beurteilungskategorie in Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1794/95): “Es ist ein sehr verderblicher Mißbrauch, der von dem Ideal der Vollkommenheit gemacht wird, wenn man es bei der Beurteilung anderer Menschen, und in den Fällen, wo man für sie wirken soll, in seiner ganzen Strenge zum Grund legt. [...] Man macht sich freilich seine gesellschaftlichen Pflichten ungemein leicht, wenn man dem wirklichen Menschen, der unsere Hilfe auffordert, in Gedanken den Ideal-Menschen unterschiebt, der sich wahrscheinlich selbst helfen könnte. Strenge gegen sich selbst, mit Weichheit gegen andere verbunden, macht den wahrhaft vortrefflichen Charakter aus. Aber meistens wird der gegen andere weiche Mensch es auch gegen sich selbst, und der gegen sich selbst strenge es auch gegen andere sein; weich gegen sich selbst und streng gegen andre ist der verächtlichste Charakter.”[50]
Die niederländische Kolumnistin Marjolein Februari bespricht in ihrer Artikel-Serie zum Thema Tugend die Frage, wieviel Tugend ein Mensch von einem anderen fordern darf.[51] Sie kommt, in Anlehnung an einen Artikel von Judith Jarvis Thomson, zu dem Schluß, daß wir von unserem Nächsten nicht fordern können und dürfen, daß er ein barmherziger Samariter sei. Alles, was wir fordern können, ist, daß er ein “Minimally Decent Samaritarian” sein soll. Mit anderen Worten, die Tugendanforderung an andere kann sich niemals daran orientieren, was einem Helden oder Märtyrer möglich wäre, sondern daran, was von jedem Menschen noch unter allen Umständen gefordert werden muß. Auf der Grundlage des Minimally Decent-Standards (auch von Brecht sehr ähnlich formuliert in den Flüchtlingsgesprächen)[52] kann auch immer noch einiges vom Mitmenschen gefordert werden, z.B. daß man Opfer von Verfolgung und Gewalt nicht mit moralischen Vorwürfen belästigt. Andererseits kann aber auf der Minimally Decent-Grundlage von Menschen, deren Leben bedroht ist, moralisches Handeln nicht mehr verlangt werden, so wünschenswert das moralische Handeln auch unter bedrängtesten Umständen ist.
Lenka berichtet über deutsche Schriftsteller, denen ihr Mann geholfen hat, und die, einmal in Sicherheit in den USA, ihm nicht zur Flucht helfen können.[53] Durch Rosa Greniers drängendes Nachfragen und mit Gedanken an den Wortwechsel Marie - Kurt drängt sich der Verdacht auf, daß die Schriftsteller sich nicht allzu sehr anstrengen. Sicher, vielen Menschen und Instanzen muß im Nachhinein Unterlassung vorgeworfen werden. Eigentlich kann man die Wahrheit sehr leicht mit der zynischen Weisheit zusammenfassen, daß jedem, der zur Zeit des Nationalsozialismus lebte und nicht als Märtyrer starb, eigentlich Unterlassung vorgeworfen werden muß.[54] In Lenkas Mund wird (in einem anderen Zusammenhang) die moralische Beurteilung der Verfolgten gelegt: “Jeder denkt nur an sich.”[55]
Ist es aber gerechtfertigt, die Unterlassungen der Exilschriftsteller anzudeuten, und gleichzeitig die aktiven und passiven Täter in Deutschland ungeschoren zu lassen? Während das deutsche Militär in der Person Hirschburgs und seinen hilfsbereiten “Frontkameraden”[56] aufgewertet wird,[57] werden die deutschen Exilschriftsteller implizit als faule unpolitische Lebensgenießer entlarvt. Ihre schriftstellerische Produktion kann die politische Passivität auch nicht kompensieren. Frankfurther über sein Ersatz-Kochbuch: “Möglicherweise ist es das einzige deutsche Buch, was international von Bedeutung ist.”[58]
Im externen Kommunikationssystem ist dies entweder nur als eine Abwertung Frankfurthers, der die deutsche Literatur nicht genug schätzt, zu sehen, oder auch als Abwertung der deutschen Literatur und Exilliteratur. Letzteres ergibt im Zusammenhang des Stücks mehr Sinn, denn Literatur ist im Vergleich zum Handeln zweitrangig und Hein bezieht sich deutlich und negativ-kontrastierend auf das Buch der jüdischen Exilantin Anna Seghers Transit.[59] Die Abwertung der unnützlichen, nicht direkt zum Handeln führenden Literatur (wozu Hein sich selbst nicht zählen muß, denn er fordert zum Handeln auf) wird auch in Ritter der Tafelrunde (natürlich in bester Nordau-Tradition) vertreten. Der Titel eines Artikels von Detlef Gwosc zum Publizisten und Redner Hein “...Unstrittig ist die Schädlichkeit der Literatur und des Lesens” - ein Hein Zitat - trifft den Nagel völlig auf den Kopf. Leider bespricht der Autor des Artikels diesen ernstzunehmenden Satz nicht in seinem Artikel. Gwosc verfehlt denn auch in allen Details und im Ganzen Heins Weltbild völlig, obwohl viele Zitate, die aufgeführt werden, völlig enthüllend sind. Warum kommen bei Gwosc keine Fragezeichen auf, wenn er zum Beispiel Hein zum Prager Frühling zitiert? Hein brachte es fertig, das Mißlingen des Prager Frühlings und des Sozialismus in der DDR zu bedauern, weil der Versuch mißlungen sei, das “Leistungsprinzip” in einem sozialistischen Land einzuführen![60] Leistungsprinzip und Sozialdarwinismus positionieren Hein nicht, wie Gwosc meint,[61] als orientiert an der deutschen Klassik des ausgehenden 18. Jahrhunderts (dies will Hein natürlich, wie Nordau auch, glauben machen) sondern als orientiert am Entartungsdenken des ausgehenden 19. Jahrhunderts.[62]
Abstoßend ist die Interpretation der Verfolgung, die Frankfurther in den Mund gelegt wird: “FRANKFURTHER: Kennen Sie Wang Yang Min? Er wurde von einem kaiserlichen Eunuchen denunziert, wurde ausgepeitscht und jahrelang verbannt. In der Verbannung, in einer Wüste, mußte der gelehrte Mann als Pferdeknecht arbeiten. Aber dort fand er auch seine Philosophie. Er fand in der Verbannung seinen Gleichmut, seinen Humor, sein inneres Maß. In der Verbannung erst wurde er zu dem großen Philosophen.” [63]
Diese Bemerkung ist im höchsten Maße zynisch, und zwar doppelt: zunächst ist die Äußerung an sich zynisch im inneren Kommunikationssystem. Ein Jude auf der Flucht spricht über die großartige Chance zu innerer Entwicklung in der Verbannung. Dies wird von Kurt auch zurückgewiesen. Er ist kommunikativ viel kompetenter als Frankfurther und reagiert sofort auf Unverschämtheiten: “KURT: Ich will kein Philosoph werden. Sie gehen mir mit Ihren Chinesen auf die Nerven. Mit diesen weisen Sprüchen kommen wir nicht über die Grenze.” [64]
Wie es sich zeigt, behält Kurt recht. Viel zynischer noch wird Frankfurthers Äußerung im äußeren Kommunikationssystem. Einerseits zeigt er sich mit dieser Bemerkung als ein auf unglaubwürdige Weise die Verfolgung idealisierender Jude, was dazu dient, ihn als Schwächling und idealisierenden Philosophen darzustellen. Andererseits kommuniziert das Stück vor allem durch die Entwicklung der Figur Hirschburgs, daß die Verfolgung doch auch als eine Art Läuterung dienen kann. Auch hierfür kann sich Hein schrecklicherweise wieder auf Max Nordau berufen: “Der Antisemitismus hat gleichfalls viele gebildete Juden die Rückkehr zu ihrem Volke finden gelehrt. Er hat die Wirkung einer scharfen Prüfung gehabt, welche die Schwachen nicht bestehen können, aus der aber die Starken stärker oder doch selbstbewusster hervorgehen.”[65]
Letztlich ist Frankfurthers Äußerung dann auch im Einklang mit der idealistischen Tendenz des Stücks: die Flucht ist eine Entwicklungschance; allerdings nur dann, wenn sie ein Ablegen der schwächlichen, verwöhnten und bourgeoisen Haltung mit sich bringt.
Noch spezifischer auf die Kritik an den Juden und auf ihre Untaten, nicht nur ihre Schwäche, geht die folgende Textstelle ein. Die Flüchtlinge besprechen ihre notwendigen finanziellen Transaktionen. Hirschburg wendet sich moralisierend dagegen: “HIRSCHBURG: In China haben wir zwei Soldaten standrechtlich erschossen, weil sie solche Tauschgeschäfte betrieben. KURT: Haben Sie die Soldaten erschossen, Herr Hirschburg? [...] KURT: Haben Sie die Soldaten erschossen, Herr Hauptmann? Warum antworten Sie mir nicht?”[66]
Hirschburg wird durch Kurts Drängen als Täter bloßgestellt. Dies geschieht implizit, indem Hirschburg sich nicht verteidigt, aber die unausgesprochene Mitteilung ist deutlich: Hirschburg hat im Boxeraufstand die Soldaten brutal niedergeknallt. Hirschburg wird in jeder Hinsicht als deutscher Militarist beschrieben, deswegen scheint die Kritik an ihm nur eine Kritik am deutschen Militarismus zu sein. Dies erweist sich aber im Laufe des Stücks als Trugschluß: erstens wendet sich gerade seine militärische Handlungsfähigkeit, seine willensstarke Disziplin und sein Interesse für Pfadfinderei und Landkarten ins Gute, indem er die “fünfzehn Juden in Kaftanen” rettet. Zweitens ist Hirschburg Jude. Das Stück gibt den Juden einen Persilschein, indem es ihnen gnädig zugesteht, daß sie auch Deutsche sind, wenn sie sich wie Hirschburg praktisch-nützlich betätigen können. Aber die Darstellung der alten Mitschuld des Juden in Form einer brutalen Kriegstat ist im Kontext der Judenverfolgung des Nationalsozialismus unpassend. Im Klartext heißt dies nichts anderes, als daß die Juden eben auch an der deutschen unseligen militaristischen Kultur beteiligt waren. [67] Selbst wenn diese Darstellung historisch nicht völlig unrichtig ist - es gab auch eine kleine Gruppe (!) deutschnationale jüdische Militaristen[68] - , liegt ein ethisches Problem im Blickwinkel: Das Opfer ist eigentlich ein Mittäter. Auch Frankfurthers Familie hat keine weiße Weste: Frankfurthers Vater war ein hoher Beamter im Außenministerium und war also im Hintergrund auch beteiligt an der politischen Entwicklung.[69] Unabhängig von der historischen Wahrheit oder Falschheit dieses Faktums ist die Erwähnung dieser Tatsache, also die Selektion der Information, konsistent mit der Darstellung der Juden als mitverantwortlich für die historische Entwicklung - eine grobe und verzerrende Vereinfachung. Selbst Max Nordaus entsetzliches Buch Entartung kann nicht als Beweis dafür herangezogen werden, daß die Juden eben selbst mit an der Entwicklung schuld waren. Was die Auseinandersetzung der Juden mit ihrem Anteil an der historischen Entwicklung betrifft, kann es auch ohnehin niemals die Aufgabe der Deutschen als Nachkommen der Verfolger sein, die Rolle der Opfer zu untersuchen und die Opfer auf die Anklagebank zu stellen.
Zum Kontrast Frankfurther/ Hirschburg gehört auch noch der folgende Wortwechsel, der auf den ersten Blick die Aufgabe hat, die Nazis zu kritisieren und ihre Denktraditionen darzustellen: “KISTNER: Den Weltkrieg haben wir verloren. Durch die Juden. HIRSCHBURG: Ich bin Deutscher. KISTNER: ‘Aus einem Juden einen Deutschen zu machen, dazu sehe ich kein anderes Mittel als das, ihm den Kopf abzuschneiden und einen anderen aufzusetzen.‘ Das ist deutsch, Jude, deutsche Philosophie. Fichte.”[70]
Hierzu ist zunächst zu sagen, daß es wohl allgemein bekannt sein dürfte, daß die Nazis die Schuld für alles, insbesondere die Niederlage des Ersten Weltkriegs, den Juden in die Schuhe schoben. Hier kommt Hein nicht weiter als jedes Geschichtsbuch für die Oberstufe; gleiches gilt für die hier und sonst im Stück großzügig ausgeteilte Information, daß auch voll assimilierte Juden von den Nazis verfolgt wurden.[71] Der Wortwechsel Kistner/ Hirschburg hat kaum Sinn als zielgerichtete, über ohnehin vorauszusetzende Kenntnis hinausgehende Kritik an den Nazis.[72] Und wieder ist die Figur Hirschburgs der Schlüssel zur Interpretation: das Stück stellt den Nazis und Frankfurther ein anderes Modell gegenüber: Dem Juden muß nicht der Kopf abgerissen werden und ein anderer aufgesetzt werden, um aus ihm einen Deutschen zu machen. An Hirschburg wird demonstriert, daß ein Jude auch mit Kopf noch dran verbesserbar ist, wenn er seine alberne Verwöhnung und Bourgeoisie fahren läßt, und in gesundem Gottesvertrauen instinktvoll-nützlich-deutsch handeln lernt.
Hirschburg wird deutlich mit Frankfurther kontrastiert als erfolgreicher Grenzüberschreiter.[73] Rüdiger Safranski schreibt im Zusammenhang mit Hitler und dem Holocaust auch über das Thema der Grenzüberschreitung, aber in einem ganz anderen Sinne als Hein: „Hitler hat eine Tür aufgestoßen und eine Schwelle überschritten. Etwas Unwiderrufliches ist geschehen, das Bild des Menschen hat sich seitdem verändert. Deshalb bleibt Auschwitz eine Vergangenheit, die nicht vergehen kann - ein Menetekel der entfesselten Moderne.“[74]
In Heins Überlebensparabel wird Auschwitz zitiert, und auch das Grenzenüberschreiten wird thematisiert, aber nirgendwo im Sinne Safranskis. Umgekehrt: Passage zeigt, daß trotz Auschwitz ein Überleben und Entkommen möglich gewesen wäre.
Ein kritischer Punkt im Stück ist die Ablehnung der Bourgeoisie. Schon die Judenfeindlichkeit des 19. Jahrhunderts gründete sich stark auf sozialen Neid und hing mit dem Aufstieg der Juden in Deutschland zusammen. Während um 1780 noch “neun Zehntel der deutschen Juden den in völliger Armut lebenden Marginal - und Unterschichten”[75] angehört hatten, gelang vielen Juden in Deutschland innerhalb weniger Generationen der wirtschaftliche und soziale Aufstieg. “Zu Beginn des Kaiserreiches zählte die Mehrzahl der Juden [...] zur wirtschafts- und bildungsbürgerlichen Oberschicht.”[76] Kritik an bourgeoisen Juden, so wie sie im externen Kommunikationssystem an Frankfurther und dem noch ungeläuterten Hirschburg geübt wird, paßt zu den Traditionen der Judenfeindschaft. Berding meint, daß, während die Sozialdemokratische Partei Deutschlands zu den entschiedensten Gegnern des Antisemitismus zählte, [77] die Kommunisten teilweise zu einem opportunistischen Umgang mit dem Antisemitismus verführt wurden: “Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie.”[78]
Heinz Brandt berichtet in Ein Traum, der nicht entführbar ist nicht nur über die Judenfeindlichkeit Stalins und der Stalinisten (er erwähnt einen antisemitischen Prawda- Artikel und Stalins Pläne zur Deportation von Juden)[79], sondern auch über die Judenfeindlichkeit in der DDR. Man erkundigte sich zum Beispiel in seiner Umgebung im Parteisekretariat, wer in den Abteilungen jüdischer Abstammung sei[80] und kündigte eine Sonderbehandlung für die jüdischen Mitarbeiter an. Brandt zitiert Fritz Reuter: “Ist es nicht eine Tatsache – und das hat doch mit rassistischem Antisemitismus überhaupt nichts zu tun – daß die Juden zumeist kleinbürgerlichen Schichten entstammen, sozial nicht mit der Arbeiterklasse verbunden sind und überall im Westen Verwandte und Bekannte haben? Daher bilden sie für den Klassengegner sehr geeignete Ansatzpunkte, stellen einen Unsicherheitsfaktor dar.”[81]
Die Parallele zu der ebenfalls nicht betont rassistischen, sondern eher klassenkritisch ausgerichteten Judenfeindlichkeit in Passage fällt auf.
Die Judenfeindlichkeit in Passage wird nicht dadurch gemildert, daß das Stück dieselbe Anti-Bourgeoisiekritik auch der nicht-jüdischen Tschechin Lenka angedeihen läßt, deren bohemischer Lebensstil dem jüdischer Künstlerfamilien gleicht.[82] Lenka erzählt, daß sie ein großes Haus und Köchin in Prag zurückgelassen hat, worauf Rosa Grenier sagt: “Und jetzt sind Sie allein. Kein Küchenmädchen, kein Gärtner. Jetzt sind Sie einfach nur eine Frau, nichts weiter.”[83]
Isoliert gesehen, ist diese Bemerkung noch keine unethische Stellungnahme, die die Flucht positiv wertet. Im Gesamtkontext des Stücks ist diese Bemerkung dennoch hauptsächlich so zu interpretieren, denn sie paßt zur Bourgeoisiekritik an Frankfurther und Hirschburg; zu Hirschburgs positiver Entwicklung, die das Abwerfen von bürgerlichem Ballast bedeutet; und schließlich auch zu der letztendlich sehr positiven Bewertung Rosa Greniers am Schluß des Stücks, wo alle anfänglichen Andeutungen, die sie zu einer harten Frau machen, entkräftet werden. Auch aus Lenkas Perspektive wird die Flucht als Entwicklungschance bewertet: “Noch vor zwei Jahren hätte ich es mir nicht vorstellen können, so zu leben. Daß ich einmal glücklich sein werde, in einer Küche abzuwaschen und Salat zu putzen.”[84]
Benjamin sah den Zusammenhang zwischen Bourgeoisiekritik und Judenverfolgung. In seiner Besprechung des Gedichts Brechts Zu dem dritten Gedicht des ‘Lesebuchs für Städtebewohner’ meint er, daß der Nationalsozialismus den Antisemitismus dafür brauchte, um eine Haltung künstlich ins Leben zu rufen, die für die unterdrückte Klasse gegenüber den Herrschenden natürlich wäre: “Der Jude soll - das will Hitler - so trätiert werden, wie der große Ausbeuter hätte trätiert werden müssen. Und weil es eben dem Juden gegenüber nicht wirklich ernst ist, weil es sich in seiner Behandlung um das Zerrbild eines echten revolutionären Verfahrens handelt, wird der Sadismus in dieses Spiel gemischt.”[85]
Das schwierige Thema “Zusammenarbeit zwischen Juden und Nazis” hat Brecht auch behandelt, aber ganz anders als Hein. Brecht hat die naive wirtschaftliche Zusammenarbeit der Juden mit den Nazis kritisiert, zum Beispiel an der Figur des I. Aaron im Dreigroschenroman[86] (“Aaron hatte von Maceath einen starken Eindruck”[87]). Schließlich heißt es unter den kleinbürgerlichen Ladenbesitzern: “Nur eines hätte Macheath nicht machen sollen: sich mit dem Juden Aaron einlassen!”[88]
Parodistische Kommentierung der Handlungsdimension des Romans trifft sich mit beißender Satire auf faschistische Judenfeindlichkeit, die bis zuletzt mit Ausbeutung der jüdischen Geschäftspartner Hand in Hand ging. Aber Brecht vermeidet es, die marxistische Bourgeoisiekritik gegen die Juden zu wenden. In Furcht und Elend des Dritten Reiches (1935/1938)[89] ist es deswegen wichtig, daß die reiche jüdische Frau mit einem “Arier” verheiratet ist; die materielle Grundlage also beiden gemeinsam ist. Brecht stellt den großbürgerlichen Hintergrund realistisch dar (Angestellte, die für die Familie arbeitet; Wohlstand: Pelzmantel), ohne damit die Verfolgung im geringsten zu verteidigen. Zu Furcht und Elend meint Walter Benjamin: “Jeder dieser kurzen Akte weist eines auf: wie unabwendbar die Schreckensherrschaft, die sich als Drittes Reich vor den Völkern brüstet, alle Verhältnisse zwischen den Menschen unter die Botmäßigkeit der Lüge zwingt:[...] Lüge ist es, die mit hydraulischem Druck in das gepreßt wird, was sich in der letzten Minute ihres Zusammenlebens die Gatten zu sagen haben (‘Die jüdische Frau’) ...”[90]
Benjamins Interpretation ist hier aber etwas einseitig und zu fatalistisch. Denn es geht bei Brecht nicht nur um den unabwendbaren Zwang der Schreckensherrschaft auf die Menschen, sondern auch darum, wie die Menschen den immer existierenden, wenn auch noch so kleinen Spielraum benutzen. Der Ehemann der jüdischen Frau zum Beispiel bezieht Stellung, indem er der Nazi-Ideologie, der Lehre von der politischen Lage als Krankheit, zustimmt: “Allzulang geht das hier überhaupt nicht mehr. Von irgendwoher kommt der Umschwung. Das klingt alles ab wie eine Entzündung.- Es ist wirklich ein Unglück.”[91]
Er sagt dies scheinbar gegen die Nazis, aber er sagt es zu seiner jüdischen Frau, die im Begriff ist, ins Ausland zu fliehen: so wendet sich der Sinn der Äußerung gegen sie. Er verwendet das Nazidenken von Menschen als Krankheitserregern wie Kurt in Passage; beide verraten sich als Mitdenker und nicht Gegendenker der Nazi-Ideologie. Der Unterschied zwischen Brecht und Hein besteht immer im Kontext: während bei Hein die insgesamte Abwertung der Bourgeoisie und Frankfurthers dafür sorgt, daß im äußeren Kommunikationssystem keine Kritik an Kurts faschistischem Denken kommuniziert wird, ist bei Brecht die jüdische Frau in keiner Weise abgewertet. Dadurch wird aber das Handeln und Sprechen ihres Mannes der Kritik ausgeliefert. Der Kontext der Szene macht dem Leser deutlich, daß das Problem für diesen Mann kleiner wird, wenn seine Frau geht. Die Krankheit klingt auch ab, wenn die Juden verschwinden.
Bei Hein und bei Brecht gehören nicht nur Juden der Oberschicht an. Bei Hein werden aber die Tschechin und ihr Mann (der kränkliche Ludvik) ähnlich beurteilt wie die Juden, so kann die Bourgeoisiekritik gegen die Verfolgten gerichtet werden. Bei Brecht ist dies nicht möglich, denn Bürgerlichkeit ist bei ihm kein Unterscheidungskriterium zwischen gut und böse, oder noch schlimmer: zwischen stark und schwach. Innerhalb der Bourgeoisie und innerhalb der Ehe geht hier die Bruchlinie zwischen Verfolgter und Verfolger, Naziopfer und Nazidenker. Bei Brecht wird auf subtile Weise angedeutet, daß eine Beziehung zwischen Opfer und Täter besteht, denn die Frau war mit gerade diesem Mann verheiratet. Wenn man will, kann man dies als einen Hinweis auf die kulturelle Ehe zwischen Juden und Deutschen lesen. Die Behandlung dieses Themas ist aber eine so schwierige Gratwanderung, daß die geringste Abweichung von Realismus in Richtung von (undialekischem) Moralismus einen Absturz in die Verurteilung der Opfer bedeuten muß.
Rolf Hochhuth gelingt diese Gratwanderung in der Schilderung von Opfern der Verfolgung nicht. Er entkommt in seinem Stellvertreter (1963), einer Neuauflage des christlichen Trauerspiels (komplett mit Teufel und Märtyrer), zwar zunächst einer unethischen Darstellung der Juden, indem er fragwürdiges Verhalten, z.B. das Anspucken eines anderen Juden oder die sexuelle Abhängigkeit einer Frau vom Mörder ihrer Kinder als Folge von brutalster Gewalt zeigt, die nur Aussagen über die Täter, nicht aber über die Opfer zuläßt.[92] Allerdings ist bei Hochhuth die Idealisierung der Opfer ausgesprochen problematisch. Schon im Stellvertreter erhebt die betont gute Ehe[93] der verfolgten Juden die Frage, ob denn promiskuöse Juden vielleicht anders zu beurteilen wären. Verschärft werden die Probleme mit der Idealisierung von Opfern dann in Wessis in Weimar (1993) deutlich, wo zwar der Selbstmord - diametral anders als in Passage, aber auch moralistisch - als Mord gestaltet wird. Der Selbstmord einer Jüdin wird dadurch nicht ihr persönlich zur Last gelegt: die Witwe Max Liebermanns wurde “in den Selbstmord gehetzt”[94]. Diese Formulierung befriedigt aber nicht, Übertreibung bietet Gegnern, die andere Motive nachweisen könnten (Selbstmord ist niemals nur als passive Reaktion erklärbar), eine leichte Angriffsfläche.[95] Hochhuth verherrlicht auf eine problematische Weise “die Tugend der Unterdrückten”[96].
Die Judenfeindlichkeit in Passage verbirgt sich nicht nur hinter der Ablehnung des unnützen Juden Frankfurther und der Bourgeoisiekritik des Stücks, sondern auch hinter der gegen alle Flüchtlinge gewendeten Grundstimmung des Stücks: daß die Flüchtlinge einfach zu viel fordern; durch merkwürdige Kleider und anderes Verhalten die Gastgeber gefährden; zu lästig sind, kurzum: zu viele sind. Die Jüdin Lisa darf es deutlich formulieren: “Wir sind zu viele für so ein kleines Dorf.”[97]
Auch Flüchtling Lenka weiß, daß sie “zu viel” ist: “Es sind zu viele Flüchtlinge. Kein Land will uns aufnehmen. Wir sind zu viele. Zu viele Fremde, zu viele Bettler. Man ist unser überdrüssig, überall.”[98]
Diese Äußerungen fallen nur deswegen nicht unmittelbar als in höchstem Maße unethisch auf, weil sie den Flüchtlingen in den Mund gelegt werden. Hätte Hein die Gastgeber das “zu viel” in dieser Intensität direkt aussprechen lassen, wäre der Effekt auf den Leser viel unmittelbarer. Denn Passage schließt mit dem Stichwort “zu viele” auf sehr unangenehme Weise an das Gefühl der Deutschen an, daß die Juden ganz einfach zu viele seien (aus heutiger Sicht hauptsächlich: waren). Ursprünglich wollte man die Juden auch nicht ausrotten, sondern nach Madagaskar umsiedeln. Eichmann in Heinar Kippharts Bruder Eichmann (1983): ”Im Innern blieb ich immer auf der Linie Auswanderung, Niesko, Madagaskar, es wollte sie doch aber keiner auf der ganzen Welt ....”[99]
”Soll die Million Juden doch hingehen, wo der Pfeffer wächst. Wir haben sie angeboten wie sauer Bier. Niemand hat sie haben wollen. Sie spielen seit 2000 Jahren die Verfolgten und schlagen auf die Tränendrüsen, um aus Westdeutschland Milliarden an Restitutionsgeldern herauszuschlagen.”[100]
Hier ist es der Verfolger, der dies sagt, und nicht das Opfer. In Passage dagegen müssen die Opfer selbst eingestehen, wie lästig sie sind, und wird auf der Handlungsebene Hirschburg auch deswegen positiv gewertet, weil er das Dorf von zu vielen merkwürdig aussehenden Juden befreit: OTTO: “Fünfzehn alte Juden. Sechzehn.”[101]
Eine Bemerkung über „zu viele“ Kaftanjuden findet sich in den Jugenderinnerungen von Elias Canetti Die gerettete Zunge (und Hein bezieht sich, wie schon aufgezeigt, mit Passage auch stark auf Canetti). Canetti sah als Junge zusammen mit einem Schulkameraden, wie im Ersten Weltkrieg galizische Flüchtlinge mit Schläfenlocken und Hüten in Bahnwaggons als Flüchtlinge ankamen. Der elfjährige Canetti sagte erschreckt zu seinem Freund: „Wie Vieh.“ Und dieser antwortete: „Es sind eben so viele.“ Canetti kommentiert: „Seine Abscheu vor ihnen war mit Rücksicht auf mich [Canetti ist Jude] temperiert [...]“[102]
Die Abscheu des Freundes vor den Juden blitzte in seiner Bemerkung auf, die Viehjwaggons für die „so vielen“ akzeptierte, und der kleine Canetti war entsetzt. Vielleicht hatte er auch schon eine Vorahnung, wohin nicht mal zwanzig Jahre später die Viehwaggons die „so vielen“ „zu vielen“ bringen würden.
Karl Kraus meint, daß der Arier immer schon “alle Gelegenheiten, zu denen es ihn drängte, von Juden, die eben schnellerundmehr waren, besetzt fand”: “Wirtschaft und Geschäft - überall der Jud Presse, Theater, Film, blick hin wo du willst Überall der Jud die Hauptrolle miemt Allüberall, ja bald jedes Kloset War von irgend einem Juden besetzt Wo war der Deutsche noch zu finden? Vixierbild - ja bald war es so schlimm Da wundert man sich nun heut’ in der Welt Daß der Deutsche aufwacht, sich abschüttelt diese Plag Doch genug jetzt! nicht mehr weiter so! Welt es vernimm![103]
Mit dem Stichwort “zu viele”, das durch die Handlungsstruktur des Stücks im äußeren Kommunikationssystem stark unterstrichen und keineswegs ironisiert oder zurückgenommen wird, stellt Hein sich in die breite Strömung antijüdischen Sentiments, die auch unter Bürgern, die einer brutal-rassistischen Einstellung fernstanden, weit verbreitet war.[104] Grass beschreibt in Ein weites Feld auch die Angst des Judenfreundes Fontanes, der zwar “den Juden als eigentlichen Kulturträger hinjubeln wollte”, warnte aber auch vor der “ ‘Verjüdelung’ der sogenannten ‘heiligsten Güter der Nation’ “[105].Die Nazis konnten später auf Fontanes Bemerkungen zurückgreifen: “ ...die europäische Presse ist eine große Judenmacht, die es versucht hat, der ganzen Welt ihre Meinung aufzuzwingen.” “Dennoch habe ich das Gefühl ihrer Schuld, ihres grenzenlosen Übermuts, daß ich den Juden eine ernste Niederlage nicht bloß gönne, sondern wünsche. Und das steht mir fest, wenn sie sie jetzt nicht erleiden und sich jetzt auch nichts ändert, so bricht in Zeiten, die wir beide freilich nicht mehr erleben werden, eine schwere Heimsuchung über sie herein.” [106]
Im Sommerurlaub fühlte Fontane sich bedrängt von den Juden, auf die er überall traf: ” ‘Fatal waren die Juden; und ihre frechen Gaunergesichter - denn in Gaunerei liegt ihre ganze Größe - drängen sich einem überall auf...’ [...] ‘Hoffentlich habe ich ein judenfreies Abteil’ ”[107]
Hätten alle Juden sich rechtzeitig davongemacht, wäre auch den Nazis nicht die schwere Aufgabe zugefallen, sie alle zu ermorden. Zu Einsteins Auswanderung hieß es zum Beispiel beifällig: “So hätten wir wieder einen unangenehmen Hebräer los.“[108]
Leider ist auch zum Thema “Zu viele” zu sagen, das sich Hein hierfür wieder auf Max Nordau stützen kann. Nordaus Version des Zionismus ist von den Zielen der Nationalsozialisten kaum zu unterscheiden. Das Positivste, was über Nordau noch gesagt werden kann, ist, daß er keine “Endlösung” anvisiert - den Untergang von lebensuntüchtigen Juden begrüßt er allerdings. Er glaubt außerdem noch an eine “Madagaskar”/ Palestina-Lösung des Problems. Max Nordau selbst zitiert seine Kritiker, die meinen, daß die “Zionisten die gleichen Ziele wie die Antisemiten erstreben und deren Alliierte seien”[109]. Während dies wohl nicht für alle Zionisten aufgeht, stimmt es für Max Nordau, dessen Ideologie sehr weitgehend mit der der Nazis übereinstimmt. Bei ihm findet sich völkisches Blut- und-Boden Denken,[110] Rassismus, härtester Sozialdarwinismus, Juden-Raus-Denken, Gebrauch von antisemitischen Metaphern, Verfolgung der emanzipierten und/ oder intellektuellen Juden[111] (die er, der assimilierte Jude, immer als “assimiliert” beschimpft); sogar die Forderung nach dem Tragen von stigmatisierenden Abzeichen und nach Ghettoformung[112], nach “eisernem Führergehorsam”,[113] sowie Militarismus, Verachtung der jüdischen Religion und der Ostjuden. Heins Vorbild Hirschburg ist ein zionistischer Führer im Geiste Nordaus, eine Verkörperung des “kriegsharten, waffenfrohen Judentums”, er ist einer der “Brauchbarsten und Tüchtigsten”, die auch als “Vorhut” nach Palestina geschickt werden sollten[114]: “Die Zionisten des Westens [...] sind reine Idealisten, unerschrockene Minderheitsmenschen und Kraftnaturen vom härtesten nationalen Korn. Es sind Überlebende in einem scharfen sittlichen Daseinskampfe, in dem die Schwächeren national untergegangen sind. Es sind Individualitäten, deren verborgener, ererbter Rassen- und Volksunterbau ausnahmsweise festgefügt ist. So aber müssen die Männer beschaffen sein, die die zionistische Menge des Ostens auf ihren Wegen und in ihren Kämpfen führen sollte.
Stellenweise trägt Max Nordau auch eine Forderung nach Menschenrechten und Freiheit für Juden vor.[115] Angesichts seiner ausgedehnten und ausführlich begründeten Argumentation, die sich gegen Freiheit und Emanzipation wendet, muß seine Emanzipationsforderung als Tarnkappe beurteilt werden.
Wie schon an anderen Beispielen erläutert, versteckt Hein alle unmittelbar als judenfeindlich erkennbaren oder auf andere Weise anstoßgebenden Zitate hinter literarischen Zitaten anderer Autoren. Auf diese anderen Autoren können Hein und seine literaturwissenschaftlichen Freunde im Zweifelsfalle verweisen, um die Harmlosigkeit Heins nachzuweisen. So ist auch das Stichwort “ Zu viele” scheinbar abgesichert: mit Brechts Gedicht Lob des Revolutionärs, das beginnt mit dem Satz “Viele sind zuviel/ Wenn sie fort sind, ist es besser”[116] (Spätere Fassung in der Mutter: “Manche sind zuviel [...]”). Damit demonstriert Hein jedenfalls, daß sich Brechts Revolutionärs-Rhetorik leicht mißbrauchen läßt. Brecht selbst spricht jedenfalls nicht über “zu viele” Flüchtlinge. Robert Havemann zitiert und bespricht einen Ausschnitt dieses Lob des Revolutionärs in seinen Lebenserinnerungen - den Abschnitt über “zu viele” hat er dabei weggelassen.[117]
Sehr wichtig für die Abwertung der Flüchtlinge in Passage ist die Darstellung von Rosa Grenier. Rosa Grenier ist, wie die meisten anderen Figuren, nicht wirklich sympathisch. Dennoch steht sie im Laufe des Stückes als gute Frau und Mutter da. Zunächst scheint es, als ob Rosa im äußeren Kommunikationssystem kritisiert wird, denn ihr kühler Vortrag zum Mitleid überzeugt nicht: “Ich habe Mitleid, und ich helfe Ihnen, obgleich ich das nicht darf und es im Dorf nicht gerne gesehen wird. Ich will Ihnen auch weiter helfen. Aber ein Mann wie Sie hat kein Recht mit meiner Tochter zu sprechen.”[118]
und Kurts Kritik an Rosa Grenier wegen der Aufforderung, sich von ihrer Tochter wegzuhalten, muß auch im äußeren Kommunikationssystem ernst genommen werden. Aber während sie erst von Kurt hart kritisiert wird, wird sie zunehmend von anderen Figuren positiv kommentiert und bringt ständig großzügig mehr Essen heran.[119] Ihre Tochter gibt ihr auch schließlich recht, indem sie ihren Fluchtversuch freiwillig aufgibt. Damit wird im äußeren Kommunikationssystem gezeigt, daß Mutter eben recht hatte, auch wenn sie streng und hart schien. Diese Rechtfertigung wird auch direkt ausgedrückt, intern und extern ernst zu nehmen: LENKA: “Madame ist nicht so schlecht, wie Sie denken”[120]
Die im Stück auf der Handlungsebene nicht kritisierte Perspektive Rosas ist ein wichtiger Beitrag zur Juden- und Flüchtlingsfeindlichkeit des Stücks. Genau besehen sind es nämlich immer die Flüchtlinge, die rücksichtslos und unsensibel sind. Die psychische und physische Überforderung der Fluchthelfer wird sehr nachfühlbar: “ROSA GRENIER: Ich werde Schwierigkeiten bekommen, große Schwierigkeiten. Da wird mir Ihre Dankbarkeit nicht helfen. [...] Verzeihen Sie, aber ich ertrage es nicht.”[121]
Die Ressentiments, die Heins positiver Darstellung der harten Frau Rosa Grenier zugrunde liegen, gehen tiefer als Judenfeindlichkeit. Sie haben mit der Angst der Menschen beiderlei Geschlechts vor dem Versorgen von Schwachen und Abhängigen zu tun. Das Versorgen anderer ist auch notwendigerweise von sehr ambivalenten Gefühlen begleitet, weil es auf der Seite der Abhängigen oft zu wachsenden Forderungen führt - insofern liegt in Frankfurthers Verlangen nach Pizza und Croissants auch eine tiefe Wahrheit.[122] Die Unwahrheit des Stücks liegt darin, daß diese Ambivalenz nicht als solche gezeigt wird, sondern die Überforderung und Abweisung einfühlbar gemacht wird. Dies geht auf die Kosten der Verfolgten. Die insgesamt sympathischer und menschlicher als Rosa Grenier gezeigte Mutter Courage wird nicht auf die gleiche Weise kritiklos in ihrer ”Jetzt reichts aber”-Haltung bestätigt. Sie will kein Leinen für die Verwundeten hergeben: “Aber jetzt soll ich herhalten. Ich tus nicht.”[123]
Dies ist im Rahmen ihres berechtigten Überlebenswillens ein stimmiger Gedanke, der aber von Kattrin nicht akzeptiert wird. Sie geht auf ihre Mutter mit einer Holzplanke los. Mutter Courage als Stück will die Begrenztheit einer eingeengten und deswegen unsolidarischen Perspektive aufzeigen, die auf die Dauer dem Überlebenswillen gerade nicht dient.
Sowohl durch die Handlung selbst als auch durch Rosas wichtige Stellungnahme zum Mitleid wird Mitleid und Nächstenliebe zum Thema in Passage. Auch bei Brecht ist das Mitleid ein wichtiges Thema. Brecht zeigt die Komplexität und Ambivalenz dieses Themas. Kattrins Trommeln, das in Mutter Courage die Kinder des Dorfs rettet, wird als “mitleidlos” geschildert[124]- und so gezeigt, wie schwierig es ist, Mittleid eindeutig als gut oder schlecht zu definieren. Im Me-ti heißt es: “Unrecht tun und Unrecht dulden Me-ti sagte: Wichtiger als zu betonen wie unrichtig es ist, Unrecht zu tun, ist es, zu betonen, wie unrichtig es ist, Unrecht zu dulden. Unrecht zu tun haben nur wenige die Gelegenheit , Unrecht zu dulden viele. Das Mitleid mit andern, das nicht das Mitleid mit sich selbst ist, muß man für weniger zuverlässig halten, als das Mitleid mit sich selbst, das zugleich das Mitleid mit anderen ist.”[125]
Das Mitleid mit dem anderen muß über das Mitleid zu sich selbst entstehen. Das ist auch eine der zentralen Thesen aus Peter Weiss’ Marat/Sade: “SADE: Mitleid Marat ist eine Eigenschaft der Privilegierten Wenn der Mitleidige sich niederbeugt um ein Almosen zu geben so ist er voller Verachtung er heuchelt Rührseligkeit zugunsten seines Reichtums und mit seiner Gabe versetzt er dem Bettelnden nur einen Tritt.”[126]
Rosa Greniers hartes Mitleid ist verursacht durch Pflichtgefühle. Dies wird aber in Passage nicht kritisiert, sondern als eine Form von “guter” Mütterlichkeit dargestellt.
Auch Grass beschäftigt sich mit falschem Mitleid, z.B. im Butt. Der Erzähler sagt zum Beispiel über eine Frau: „Sie tat mir leid. Besser: ich wollte was von ihr.“ Ironisch wird die aufopferungswillige Frau charakterisiert: „Sie macht dich krank, um dich aufopferungsvoll zu pflegen. Bist du krank, lebt sie auf.“
Der Erzähler wehrt sich gegen diese erdrückende und erniedrigende Liebe: „Ich will nicht gerettet werden. Ich gerate gern in Versuchung. Am Liebsten gehe ich in die Irre. Für mich sich zu opfern zahlt sich nirgendwo aus.“ [127]
Und Grass macht sogar die Verbindung zwischen erniedrigender mütterlicher Fürsorge und militärischem Heldenmut, die Hein – im Gegensatz zu Grass positiv wertend - an der patriarchalen, harten Grenier auch darstellt: „[...] hätte mich Lena nicht zu erbarmungslos bemuttert und [...] so zielstrebig als Brustkind gehalten, wäre ich nie Soldat und (aus lauter Angst) heldisch geworden“.[128]
Für Grass gehört zum echten Mitleid die Scham. Der Erzähler im Butt bei Anblick des Elends in Kalkutta: „Schau doch nicht hin. Steig drüber hinweg [...] Oder guck hin. Bleib stehen. Hör zu. Schäm dich betroffen. Zeig rot die Zunge, weil dein Mitleid nur kleine Münze und rasch verteilt ist.“[129]
Das „Zungezeigen“ ist (nach Grass) eine Eigenart der schwarzen, rotzüngigen Hindu-Göttin Kali, die im Mordwahn beinahe ihren männlichen Aspekt Schiva ermordete und deswegen aus Scham die Zunge herausstreckte.
Christoph Hein hat sich wiederholt als „Chronisten“ dargestellt, als jemanden der „sine ira et studio“ die Geschichte beschreibt. „Sine ira et studio“ ist ein Tacitus-Zitat. Und es kann trotz aller großen, sehr großen, Unterschiede zwischen Tacitus und Hein behauptet werden, daß für beide Autoren gilt, daß sie keineswegs objektive oder unparteiische Beobachter waren. Hein erzählt über die Judenverfolgung aus einer Rechtfertigungsperspektive. Passage paßt in eine Geschichtsbetrachtung, die erstens besagt, daß es (damals?) zuviel Juden in Europa gab; und die zweitens besagt, daß die anderen Länder genauso schuld tragen an der Judenvervolgung. Diese Geschichtsbetrachtung ist stark apologetisch. Die Judenverfolgung wird stark verharmlost. Daß ein Jude, noch dazu mit dem jüdischen Namen Hirschburg, bis 1940 in der Wehrmacht Karriere machen konnte und Offizier bleiben konnte, ist ausgeschlossen. Daß eine Gruppe von 15 Juden mit Schläfenlocken, schwarzen Hüten und in Kaftanen 1940 aus der Gegend um Auschwitz quer durch Europa fliehen konnten, ist ebenso ausgeschlossen. Daß Hein dies als selbstverständliches Geschehnis darstellt, muß als im höchstens Maße apologetisch genannt werden.
Im Zusammenhang mit Heins Geschichtsverständnis ist sein Vortrag vor dem Schriftstellerverband in Ostberlin vom 14. September 1989 ein wichtiger Schlüssel. Diese Rede wird von Sjaak Onderdelinden in Ritter von der traurigen Gestalt wiedergegeben und besprochen. Hein stellt zunächst die DDR-Staatsideologie als eine dar, die die eigene Geschichte beschönigt. “Hein konstruiert einen staatlich-offiziellen Standpunkt (zu dem sein eigenes Geschichtsbild dann natürlich den privat-oppositionellen Gegensatz bildet).”[130]
Hein wendet sich also zunächst gegen die Vereinnahmung der Geschichte durch die Macht. Hein scheint also ganz ein oppositioneller Denker zu sein. Michael Rohrwasser schreibt über die Opposition gegen die Vereinnahmung der Geschichte in seinem Artikel über den Selbstmord in der DDR-Literatur. Im Zusammenhang mit Christa Wolfs Systemkritik, die sich in verschiedenen Werken bei ihr als eine sehr differenzierte Darstellung des Selbstmords äußert, meint Rohrwasser: “Hier wird gegen das verwaltete Gedächtnis opponiert, das in seiner zugespitzten Form in George Orwells ‘1984’ auftaucht. Die Vergangenheit wird unter dem Gesichtspunkt politischer Nützlichkeit kontrolliert, um die Gegenwart zu rechtfertigen.”[131]
Vielleicht kannte Hein diesen Artikel Rohrwassers, es ist sogar nicht unmöglich, daß er durch diesen Artikel und die darin enthaltene Darstellung von Benjamins Schriften, wie auch durch die Bemerkung Rohrwassers, daß der Blick auf die Leichenberge dem Selbstmord die heroische Geste nehme und daß die Inflation der Toten auch den Selbstmord entwerte[132] auf die glänzende Idee gekommen ist, Benjamins Selbstmord mit einem “kritischen” Drama zu gedenken. Er meinte vielleicht, durch Rohrwassers Darstellung auch im Westen selbstmord-ideologisch abgesichert zu sein.
Jedoch ist Heins eigene Darstellung der Geschichte nicht weniger standortgebunden als die der Staatsideologie, die er deswegen kritisiert. Onderdelinden meint sehr richtig: ”Auch ihn [Hein] interessiert Geschichte um der Gegenwart willen. Auch er wertet aus aktuellem Interesse und um auf die Gegenwart zu wirken.”
Heins Argumentation in dieser Rede ist typisch für die Art und Weise, wie er Richtiges und Falsches, eigene und fremde Standpunkte so vermischt, daß der Leser verwirrt wird, und annehmen kann, Hein selbst sei systemkritisch, obwohl ein genaues Lesen einen systemkonformen Standpunkt zeigt. Der Systemstandpunkt, den Hein konstruiert, ist zunächst zutreffend. Im Sozialismus wird die Geschichte vereinnahmt. Jedoch schwenkt Hein ohne Übergang und völlig unvermittelt von einer Systemkritik und einer Kritik der spießigen Sofakissengemütlichkeit und der Kritik an der Verfolgung von Nestbeschmutzern auf eine positive Argumentation, wenn er im nächsten Satz sagt: “Geschichte interessiert uns um der Gegenwart willen. Geschichtsbetrachtung ist stets ein Benennen des augenblicklichen Standorts.”[133]
Formell stellt er hier immer noch den kritisierten Systemstandpunkt dar; wie Onderdelinden aber zurecht meint, ist dies nun jedoch plötzlich der Standpunkt Heins. Also schwenkt Heins Rede von Systemkritik übergangslos zu einem eigenen positiven Standpunkt. Damit gibt er sich als der systemkonforme Denker zu erkennen, der er ist. Doch ist inhaltlich zunächst nichts an seiner Aussage zu kritisieren, darin liegt auch wieder die Raffinesse seiner Darstellung. Er kritisiert erst das System, stellt dann eine richtige und auch potentiell positiv zu wertende Behauptung über das System auf, die auch auf ihn selbst stimmt, ohne aber dies wiederum deutlich kenntlich zu machen. So braucht er sich nicht an diesem Maßstab messen zu lassen. Denn die Standortbestimmtheit, die er plötzlich, wenn auch nur implizit, befürwortet, läßt er in seinen Dramen nicht sehen. Er verwendet keines der formalen Mittel, die dem Rezipienten signalisieren, daß in Passage eine standortgebundene (ideologische oder subjektive) Vision der Verfolgungssituation gegeben wird. In Passage fehlen alle distanzierenden Mittel des modernen Theaters: Verfremdungseffekte, Episierung, Historisierung usw.[134]
Onderdelinden stellt sich oberflächlich gesehen in seinem Artikel auf die Seite Heins, wenn er ihm zugesteht, nicht “ein fleckenloses Selbstverständnis herbeimanipulieren [zu wollen], sondern [...] die Wahrheit, die befleckte, sichtbar machen [zu wollen], so unerwünscht sie auch sein mag.”[135] Mit dem Zitieren der alten Rede hat Onderdelinden Hein allerdings keinen Dienst bewiesen. Onderdelinden erreicht damit mehreres: erstens hebt er die entscheidende Passage der Rede ungekürzt hervor. Heins Rede ist zum Beispiel in Vaterland, Muttersprache. Deutsche Schriftsteller und ihr Staat seit 1945 gekürzt worden, auf eine Weise, die ihren manipulativen Charakter verbirgt.[136] Auch in der späteren Publikation der Rede Die fünfte Grundrechenart ist der von Onderdelinden aus der Zeit zitierte Text verändert, wobei die letzten sieben Zeilen aus dem von Onderdelinden zitierten Text an einer anderen Stelle stehen. Zweitens spricht Onderdelinden Hein auf die logische Gemeinsamkeit und Überschneidung seines Standpunkts mit dem konstruierten staatlichen Standpunkt an (diese Überschneidung ist in der Originalrede deutlicher zu sehen als in der überarbeiteten Version); und drittens spricht er Hein auf den implizit beanspruchten Gegenwartsbezug an. Damit kann „sine-ira-et studio“-Hein, zunächst scheinbar zum Systemgegner hochgelobt, sich nicht mehr auf die Verteidigungsstrategie zurückziehen, die er in bezug auf die Tafelrunde gewählt hat: er habe nämlich kein Stück über die Gegenwartsgesellschaft der DDR schreiben wollen: “Ich meine weder die DDR noch die sozialistischen Länder, ich meine das Niveau unseres Jahrhunderts.”[137] Hein ist spezialisiert auf das Vorführen von manipulativen Teilwahrheiten, die viel gefährlicher sind und auch schwerer zu entlarven sind als Lügen. Und wirklich: er steht ja in der ultrareaktionären Tradition Nordaus und dessen Sicht auf Das zwanzigste Jahrhundert (Kapitelüberschrift bei Nordau; Nordau ruft in diesem Kapitel zum Ausrotten der Zweifler und Schmarotzer, also der modernen Künstler, auf). Hein kann sich aber der Verantwortung für den Gegenwartsbezug seines Dramas nicht entziehen. Onderdelinden hat Recht, daß Hein die Wahrheit aufdecken will. Aber nicht jede Systemkritik und jede “Wahrheit” dient der Demokratisierung; die Frage ist immer, welche Utopie hinter einer Wahrheitssuche steckt. Hein kritisiert in der Tafelrunde die Liberalisierung des untergehenden DDR-Kommunismus und sucht Sicherheit im militaristischen Heldentum. Im Zusammenhang mit Systemkritik muß man immer in Gedanken behalten, daß auch Adolf Hitler ein scharfer Systemkritiker war und daß jeder Sozialdarwinist sich konsequent auf schonungslose “Wahrheiten” beruft.
Hein selbst meint vermutlich, daß er in Passage mit dem Durchleuchten der Opfer einen Beitrag zum Beseitigen der “weißen Flecke in der Geschichte”[138] leistet. Auf gut Lutherdeutsch kann man dies aber auch als eine Suche nach dem Splitter in des Bruders Auge bezeichnen, die den Balken im eigenen Auge nicht wahrnimmt. Bibelzitate werden häufig von beiden Seiten der streitenden Parteien als Waffen verwendet.[139] Hein bedient sich selbst der christlichen Metapher vom Balken und plädiert immer wieder für Selbstkritik: “Mir selbst jedoch sind andere und ältere Chronistenpflichten heilig: jene, die vom Balken im eigenen Auge spricht, oder die da heißt: ‘Mögen andere von ihrer Schande sprechen, ich spreche von der meinen.’ “[140]
Diesen so heilig vorgetragenen Anspruch löst Hein aber nicht ein. Erweiterte Selbstkritik in der Form von Kritik am Verhalten der Deutschen läßt sich im Zusammenhang mit der Judenverfolgung bei Hein nicht finden.
Es ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, daß zwischen Opfern und Tätern, ganz allgemein betrachtet, eine schwer entwirrbare Beziehung besteht. Alle Täter waren auch irgendwann Opfer, und viele Opfer werden wieder zu Tätern. Dies ist auch der Hintergrund dafür, daß die Verarbeitung des Holocausts für viele Juden so schwer ist: manche von ihnen wurden zu Mittätern gemacht, viele leiden unter Schuldgefühlen, überlebt zu haben. Wenn aber die Nachkommen der Verfolger (und das sind nun mal in erster Instanz die Deutschen gewesen) die Untersuchung der Opfer dazu verwenden, um nachzuweisen, daß die Opfer in hohem Maße selber schuld sind, ist dies nichts anderes als eine erneute Verfolgung. Eine Verfolgung, die sich im Kostüm der schonungslosen Wahrheitssuche gefällt.
Selbst da, wo Hein historische Zusammenhänge richtig wiedergibt (Kooperation der anderen Staaten mit den Nazis), zeigt er eine Haltung, die der niederländische Soziologe van Doorn als “moralische Arroganz auf Grund von historischer Selektivität”[141] bezeichnet. Van Doorn meint, daß der Bezug auf die Gegenwart das wichtigste bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit ist. Der Bezug auf die Gegenwart ist zwar zunächst bei Hein in der enthistorisierten Überlebens-Parabel Passage auch zu finden, aber nicht in der Form, von der van Doorn spricht, nämlich als Konfrontation der heutigen Menschen mit der eigenen potentiellen Täter- und Mittäterschaft. Bei Hein geht es überhaupt nicht um die Täter, sondern um die moralische Haltung der Opfer. Damit ist das Stück der heutigen Gesellschaft gegenüber völlig unkritisch, denn es wird vorgegeben, daß auf Unterdrückung vor allem mit privater Moral reagiert werden muß; noch dazu mit einer äußerst merkwürdigen Form der privaten Moral, einer angepaßten Tüchtigkeit.
Zwei deutschsprachige Dramen, die sich in van Doorns Sinn mit faschistischen Gruppenprozessen beschäftigen, haben auf der Oberfläche keine Beziehung zur Geschichte. Sie wollen die Menschen in der Gegenwart ansprechen, obwohl das Modell, das dargestellt wird, sich deutlich auch an die Prozesse, die sich in der Vergangenheit abgespielt haben, anlehnt: Der Besuch der alten Dame von Friedrich Dürrenmatt und Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch. Biedermann und die Brandstifter stellt dar, wie ein Mann auf einem Dachboden große Mengen an Benzinfässern unterbringt und dabei die beunruhigten Vermieter zu beruhigen weiß, daß nichts passieren wird - bis das ganze Dorf abbrennt. Der Besuch der alten Dame zeigt die Korrumpierbarkeit und Manipulierbarkeit der Menschen, die durch eine Mischung von materieller Bestechung und moralistischer Überheblichkeit entsteht. So kann ein ganzes Dorf, auch der Pfarrer, davon überzeugt werden, daß der Sündenbock hingerichtet werden darf, weil er schuldig ist. Der Moralismus dieses Pfarrers, wie der der vielen Pfarrersfiguren bei Brecht und Dürrenmatt, sticht schrill von dem ab, was Jesus im Neuen Testament sagt, zum Beispiel über die Schuld der Ehebrecherin: “Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.”[142]
Heins Verurteilung der Opfer bekräftigt den paradoxen und auf den ersten Blick anstößigen Satz aus Ulla Berkéwicz’ Ich weiß daß du weißt: “Die Deutschen, seufzte die Tigerin, werden erst frei von Schuldgefühlen, wenn sie ihren Opfern vergeben .”[143]
Sich selbst vergeben können, ist aus christlicher Sicht auch untrennbar damit verbunden, den anderen zu vergeben. Selbstgerechter Moralismus ist deswegen genau besehen auf einer religiösen Ebene eine scharfe und unversöhnliche Selbstanklage. Selbstanklage und Selbstkritik - dies wird von Hein, der überdies unzulässigerweise alle Kritik auf Selbstkritik reduzieren will, immer wieder propagiert.[144] Jedoch kann nicht alle Kritik nur Selbstkritik sein und auch Selbsterkenntnis kann nicht auf Selbstkritik reduziert werden. Selbstkritik fehlt bei Hein nicht unbedingt ganz. Nirgends aber spricht er von der Wichtigkeit, sich selbst (und deswegen auch anderen) vergeben zu können.
Auffallend ist in diesem Zusammenhang eine Stelle in Heins neuestem Roman In seiner frühen Kindheit (2005). Heins Alter-Ego-Figur Dr. Richard Zurek (ein militanter Zwilling Hirschburgs und Willenbrocks, und eine erfolgreiche Vorbildfigur wie diese) bespricht mit seiner Tochter Christin, ob er, Richard Zurek, irgendeine Verantwortung dafür trägt, daß sein Sohn Oliver Terrorist wurde. Die Tochter widerspricht dem Gedanken, daß der Vater verantwortlich sein könnte, aufs heftigste. Auch andere, im Roman reichlich angebotene Hinweise, sprechen dafür, daß zwar die Regierung, die Polizei, die Freunde Verantwortung trifft, nicht aber die Eltern. Scheinbar versucht Richard Zurek im Gespräch mit der Tochter zunächst eine gewisse Verantwortung zu übernehmen, die er, der Vater eines Terroristen, kaum vollständig von sich abweisen könnte, ohne völlig unglaubwürdig zu werden. Die Art und Weise, wie Zurek versucht, seine Verantwortung und Schuld zu begründen, ist jedoch auf einer höheren Ebene eine völlige Abweisung jeder Mitverantwortung: „[...] Ich grübele schon seit Jahren darüber nach, welche Fehler wir gemacht haben, was ich falsch gemacht habe. [...] Die Überlebenden haben immer Unrecht. Und sie haben Schuld, sie werden ihr Leben lang diese Schuld nicht mehr tilgen können. Vor vielen Jahren habe ich das in den Berichten der Überlebenden der Konzentrationslager gelesen.“ [145]
Der ermordete Terrorist wird mit den Opfern der Judenvervolgung verglichen, der Vater, der sich zurecht die Frage der Mitverantwortung stellt, setzt sich parallel zu den Überlebenden der Konzentrationslager (implizit: er ist Opfer und nicht Täter) und sieht seine eventuelle Verantwortung als schicksalhaft und völlig unpersönlich. Schuld und Mitverantwortung werden abgewiesen, Auschwitz dient nicht etwas als mahnendes Beispiel nie wieder zum Täter zu werden, sondern als Beispiel, wie man sich mit den Opfern vergleichen kann, und sich so von jeder Schuld und Mitverantwortung damals und heute freisprechen kann. Die Judenverfolgung wird hierbei noch dazu auf eine unzulässige Weise verharmlost als „Tod vor der Zeit“.[146] Insofern den Vater irgendeine Schuld treffen würde, wäre sie also höchstens so groß wie die Schuld der Überlebenden der Konzentrationslager!!! Zureks Vergleich hat mehrere logische Implikationen: 1. Vater und Sohn werden von Schuld freigesprochen. 2. Weil dies als logische Operation nicht völlig gelingen kann, wird den Juden eine Schuld in die Schuhe geschoben. 3. Durch den Vergleich wird von der Frage abgelenkt, welche Verantwortung Vater Zurek selbst denn für die Judenvernichtung hatte, denn er hat den Zweiten Weltkrieg gerne mitgemacht - zumindest wird dieser Eindruck durch Zureks vertrauten Freund und Frontkameraden Lutz Immenfeld geweckt, dem Zurek nicht widerspricht bei seiner Kriegsschwärmerei.[147] Hitler wird von Lutz zwar noch „ein Verbrecher“ genannt (was kein schlimmer Vorwurf ist aus dem Mund von einem, der terroristisches Verbrechen gutheißt)[148]; der von Hitler geführte Krieg (der in direkter Konsequenz Millionen Juden den Tod gebracht hat) hat auch noch im Rückblick Immenfelds expliziten und Zureks impliziten Segen. Was auch merkwürdig einseitig ist an Heins Darstellung: Sohn Oliver hat wohl seinen Vater niemals konfrontiert wegen dessen Kreigsvergangenheit/ Mitläuferschaft, während die bittere Auseinadersetzung mit der Vätergenaration doch gerade in der Geschichteder RAF eine sehr wichtige Stelle einnimmt. In seiner frühen Kindheit ein Garten ist eine kaum verhüllte RAF-Hommage. In den Argumentationen der RAF kam auch der Bezugspunkt Auschwitz häufig vor- und zwar wie in Heins Roman als „pseudo-identifikatorische Auschwitzphantasie“ ( die Isolationshaft als Konzentrationslager; die „Exekutierung“ von Stammheim als „Endlösung“)[149]. Dorothea Hauser zeigt in ihrem Artikel Rechte Leute von links? die Kontinuität zwischen dem Denken der RAF und den Denkbildern des bekennenden Antisemiten und NPDlers Horst Mahler ( der als ehemaligeRAFler im politisch rechtsextremen Spektrum keine Ausnahme ist). Es ist kein Zufall, daß sich der DDR-konforme Hein mit der RAF seelenverwandt fühlt: „Zwischen dem SED-Regime und der RAF existierten Rudimente gemeinsamer Ziele und politische Interpretationsmuster in einer ‚unübersehbaren Geistesverwandtschaft“.[150]
Hein ist selbst Opfer von gesellschaftlichen brutalen Ausstoßungsmechanismen gewesen – ein Anklang hiervon findet sich in seinem autobiographisch gefärbten Roman Landnahme (2004). Als Kind von Vertriebenen hat er selbst sicher viel Schlimmes mitgemacht. Bernhard Haber in Landnahme ist, wie Hein selbst, das Kind von Heimatvertriebenen und kann dem Kreislauf von Opfer und Täter nicht entkommen. In Landnahme erscheint ein gewisser Aspekt von Ehrlichkeit und Selbstreflexion, der Heins anderen hier besprochenen Werken abgeht. Heins Alter-Ego-Figur Bernhard Haber kann, im Gegensatz zuu Hirschburg, Willenbrock und Zurek, nicht unmittelbar als eine (verdeckte) Heldenfigur beschrieben werden. Landnahme ist, für sich allein genommen, ein akzeptabeler Roman. Die Fremdenfeindlichkeit wird im Kreislauf von Opfer- und Tätertum dargestellt, was viel mehr ist, als z.B. Passage bietet. Dennoch überwiegt auch in Landnahme der Aspekt der Selbstrechtfertigung und der Rechtfertigung des Fremdenhasses. Dies zeigt sich vor allem deutlich, wenn man bei der Interpretation von Landnahme auch Heins andere Texte, vor allem Passage, mit einbezieht. Zu Beginn und am Ende des Romans (der sich von der Struktur her, und auch von der sprachlichen Gestaltung her, von Willenbrock und von In seiner frühen Kindheit unterscheidet) steht eine Karnevalsszene. In der Karnevalsszene auf den letzten Seiten des Romans handelt der Sohn der Hauptfigur Bernhard Haber grob fremdenfeindlich. Stolz erzählt er seinem Vater, daß er zwei „Fidschis“, zwei Flüchtlinge, aus dem Karnevalsumzug herausgezogen hat.[151] Oberflächlich gesehen wird diese Handlung vom Vater kritisiert, der den Sohn darauf hinweist, daß auch die Familie Haber eine Flüchtlingsfamilie gewesen ist. Diese Kritik wird aber durch mehrere Faktoren abgeschwächt und erscheint als unglaubwürdig. Erstens durch die Bemerkung des Sohnes, daß die Familie Haber schließlich deutsch sei, und ein Recht darauf habe, in Deutschland zu leben.[152] Zweitens dadurch, daß der Vater nur sehr lahm sagt ( und in seiner Lahmheit ähnelt er hier Frankfurther in dessen schwacher und lahmer Verteidigung in der Impotenz-Frage): .“..lass diese Leute zufrieden.“. Der Sohn Paul war öffentlich und handgreiflich aggressiv gegen Ausländer. Der Vater dagegen wird nicht handgreiflich, droht nicht, weist nicht ernsthaft zurecht, verläßt den Platz nicht im Protest. Seine Reaktion ist als Zurechtweisung in der geschilderten Situation völlig unangemessen. Dies wird noch weiter verstärkt durch den unmittelbar hierauf folgenden Wortwechsel Bernhards mit einem Freund, der den Sohn lobt (!): „Ist ein patententer Junge, dein Paul.“ Anstatt Sorge über die handfeste Fremdenfeindlichkeit des Sohnes auszudrücken, zeigt sich Bernhard jetzt als stolzer und zuversichtlicher Vater. In Landnahme spielen auch die Passage-Motive Selbstmord und Opfer eine Rolle. Scharf und moralisierend wird in religiösen Termen ein Unterschied gemacht zwischen Mord und Selbstmord (und diese Perspektive wird im Roman nicht relativiert und trifft außerdem exakt zusammen mit dem, was in Passage auf der Handlungsebene ausgedrückt wird). Über den vermeintlichen Selbstmord des unglücklichen Haber-Vaters sagt der Priester zu Bernhard, daß der Tod des Vaters sicher Mord und nicht Selbstmord gewesen sei: „Ihr Vater starb nicht in der Sünde, er starb als ein Gerechter und wird seinen Gotteslohn erhalten.“[153], und er wiederholt diese religiöse Logik gleich nochmal. Hauptfigur Bernhard teilt diese Meinung des Priesters nicht nur, er ergänzt sie auf eine sehr interessante Weise: „Im Mittelalter[...], das habe ich jedenfalls gehört, sind Dome und Kirchen und große Gebäude immer mit Blut gebaut worden. Das Blut von einem Unschuldigen, am besten von einem Kind, musste im Mörtel stecken, wenn das Gebäude halten sollte. Vielleicht ist das Aberglaube, doch vielleicht ist das noch immer so. Vielleicht brauchte es erst das Blut meines Vaters, meines unschuldigen Vaters, dass ich hier heimisch werde, dass man mich akzeptiert.“[154]
Diese Äußerung der Heinschen Alter-Ego-Figur Bernhard Haber trifft zusammen mit Heins mittelalterlich-dogmatischem Schwarz-weiß- Denken.[155] „Auge um Auge“, sagt Bernhard Haber.[156] Und die Erzählerfigur meint zustimmend zu Bernhards Mittelalter-Opfer-Darstellung: „Vielleicht war an dem albernen Aberglauben was dran.“[157]
Hein spielt in Passage in seiner Darstellung Frankfurthers auf Brechts Gedicht An die Nachgeborenen aus den Svendborger Gedichten (1939) an (Frankfurther: “Sie sollten wissen, ich wäre gern weise.”[158]), wo es heißt: “Ich wäre gerne auch weise. In den alten Büchern steht, was weise ist: Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit Ohne Furcht verbringen Auch ohne Gewalt auskommen Böses mit Gutem vergelten Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen Gilt für weise.”
Frankfurther hält im Unterschied zum lyrischen Ich des Gedichts noch an den aufgezählten Verhaltensweisen des Gedichts fest, er weiß trotz mancher Selbstzweifel nicht um das
“Alles das kann ich nicht:”
der folgenden Zeile. Hein selbst wiederum abstrahiert aber vom geschichtlichen Kontext, der für Brecht so wichtig war, und damit von dem nächsten Satz des Gedichts: “Wahrlich, ich lebe in finsteren Zeiten.”
In seiner Darstellung Benjamins wie im Bezug auf die Geschichte erreicht Hein durch die Abstraktion vom Kontext eine Verdrehung von Zusammenhängen. Brechts eindringlicher Appell wird von Hein auch nicht gut gehört: “Ihr aber, wenn es so weit sein wird Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist Gedenkt unserer Mit Nachsicht.”
Hein fühlt sich frei, nicht mit Nachsicht, sondern mit Nachwurf von ein paar Steinen in Richtung Benjamin dessen selbstmörderisches Versagen und nutzloses Philosophieren zu quittieren.[159]
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[1] Berding, Moderner Antisemitismus, S. 148.
[2] Berding, Moderner Antisemitismus, S. 94, S. 114.
[3] Berding, Moderner Antisemitismus, S. 8.
[4] Ein bißchen laut, In: Die fünfte Grundrechenart, S. 240.
[5] “[...] weshalb ich in Nordaus Artikeln die Judenschärfe des Ausdrucks schätzte”, Zitat aus Fontanes Briefen in Ein weites Feld, S. 531.
[6] siehe Christoph Schulte, Psychopathologie ..., S. 217 und Hans Otto Horch, Fontane und das kranke Jahrhundert.
[7] Ein weites Feld, S.577 Fonty-Grass’ Kommentar auf Treuhandchef-Nordau “Er lief sich davon.” S. 629.
[8] Ein weites Feld, S. 649.
[9] Es gibt sie längst, die neue Mauer. Die Zeit, 7.2.1992.
[10] “ANNA: Vielleicht ist das eine ansteckende Krankheit, die du hast? So ein Unter-den-Rock-kriech-Bazillus?”” Randow, S. 83, Vgl. Die Blechtrommel, S. 17.
[11] Entartung, Bd. 2, S. 160.
[12] Entartung, Bd. 2, S. 560.
[13] Ein weites Feld, S. 97.
[14] Im Kapitel Die Intellektuellen-Kritik.
[15] Ein weites Feld, S. 256.
[16] Grass hat einen sehr passenden Namen gefunden, auch und gerade wo er ihn schon historisch gegeben vorgefunden hat.
[17] Ein weites Feld, S. 455.
[18] Vgl. Kafka, Der Prozeß, letzter Satz “Wie ein Hund”; Kent in Shakespeares König Lear: “Solch Gleisnervolk/ [....] schmeichelt jeder Laune/ Die auflebt in dem Busen seines Herrn,/ [...] Bejaht und dreht den Hals wie Wetterhähne/ Nach jedem Wind und Luftzug seiner Obern,/ Nichts wissend, Hunden gleich, als nachzulaufen.” 2,2, Tragödien, S. 736.
[19] Ein weites Feld, S. 455.
[20] Der stark traditionsgebundene Hesekiel stammte aus einer protestantischen Pfarrerfamilie (Otto Neuendorff, Georg Hesekiel, S. 5), vertrat unbedingte Unterordnung unter königlichen Willen (S. 52), verabscheute Pietismus und Innerlichkeit; als Dichter hing er an der “objektiven Gestaltung ohne Beimischung subjektiver Erlebnisse” (S. 54). Zu Fontane und Hesekiel S. 28 ff.
[21] Schulte, Psychopatholgie..., S. 197.
[22] Vorspann Zionistische Schriften
[23] Zu Hesekiels These, daß der Roman die größte literarische Waffe sei, Beutin, Deutsche Literaturgeschichte, S. 296.
[24] Ein weites Feld, S. 53, 159, 345, 371, 529, 672, 697.
[25] Ein weites Feld, S. 587.
[26] Ein weites Feld, S. 675.
[27] Ein weites Feld, S. 750.
[28] Ein weites Feld, S. 748.
[29] Ein Traum, S. 140 f.
[30] Brecht, Leben des Galilei, Szene 4, Stücke, S. 508.
[31] Ein weites Feld, S. 659.
[32] Sendung vom 30.6. 2000. Marcel Reich-Ranicki bemerkte, wie schwer es sei, irgend etwas Lobenswertes an Willenbrock zu finden und daß dieser Roman kein Buch für den Suhrkamp-Verlag sei. Hellmuth Karasek faßte die Meinung des Quartetts unwidersprochen zusammen, daß sich alle wohl darin einig seien, daß Heins Willenbrock nicht als Kunst bezeichnet werden könne.
[33] Reich-Ranicki ist ein Thomas-Mann-Klassizist, der alle literarischen Formen, die einem Mannschen Realismus nicht entsprechen, ablehnt (Martin Walsers Reich-Ranicki Karikatur in Tod eines Kritikers ist in vieler Hinsicht zutreffend, wenn auch Walsers Roman insgesamt eine menschenfeindliche Hetze darstellt). Der von Reich-Ranicki aufgestellte Literaturkanon (Der Spiegel 25, 18.6. 2001) ist sehr einseitig. Für diesen Literaturkanon spricht hauptsächlich, daß Hein darin nicht vorkommt und Karl Kraus wohl; gegen ihn spricht z.B., daß Wolframs Parzival und die Dramen Dürrenmatts und Bernhards fehlen. Gegen Reich-Ranickis Liste spricht auch, daß er Frischs Montauk darin aufgenommen hat, einen autobiographischen Roman, in dem Frisch es sich nicht verkneifen konnte, seiner ehemaligen Partnerin aufs Grab zu spucken.
[34] Es ist ein alter Trick, nur Informationen freizugeben, von denen man sicher weiß, daß sie schon bekannt sind. Harry Liebenau in Hundejahre über seine Information an die Nazis über Studienrat Brunies: “Vielleicht hätte ich nichts sagen sollen von dem leeren Fahnenhalter des Studienrats, aber er war ja unser Nachbar, und jeder sah, daß er nicht flaggte, wenn alle flaggten. Auch war der Beamte in Zivil schon unterrichtet und nickte ungeduldig, als ich sagte: ‘Also zum Beispiel an Führers Geburtstag, wenn alle flaggen, dann hängt Studienrat Brunies nie eine Fahne heraus, obgleich er eine besitzt.’ ” S. 368.
[35] Das Drama, S. 88.
[36] Passage, S. 107 f.
[37] Das Drama, S. 88.
[38] Het Boek Van Violet En Dood, S. 225 f.
[39] Rohrwasser, Das Selbstmordmotiv, S. 230.
[40] Vgl. auch C. Hein, Worüber man nicht reden kann, darüber kann die Kunst ein Lied singen, In: Öffentlich arbeiten, S. 49: “Die im Ausland über Nazideutschland bekannt gewordenen Tatsachen trugen wenig oder nichts dazu bei, die deutschen Juden aus ihrer heimatlichen Mördergrube zu retten. Von vielen Ländern wurden die Juden zurückgewiesen, sie blieben unerwünscht.” Sicher hat Hein recht - er hat damit aber noch kein Recht auf eine völlig einseitige apologetische Darstellung.
[41] Passage, S. 69.
[42] Passage, S. 72. Entsprechend: Marie Grenier über die Lokalbevölkerung, S. 87, Frankfurther über Gestapobüros in Marseille, S. 101 f. Auch das Auftreten der Gestapobeamten wird ausdrücklich in den Kontext der französischen Verantwortung gestellt, Bürgermeister S. 108. Weiterhin: Lenka zu Lager Argèles-sur Mer S. 115.
[43] Passage, S. 78. Die Spanier schickten die Flüchtlinge an der Grenze zurück, Marie Grenier S. 117.
[44] Passage, S. 80. So auch Lenka S. 115, “Kein Land will uns aufnehmen [usw.]”
[45] Passage, S. 80.
[46] Passage, S. 116.
[47] Politik und Schuld, S. 108.
[48] Passage, S. 66.
[49] Passage, S. 87 f.
[50] Dreizehnter Brief, Fußnote. In: Die deutsche Literatur in Text und Darstellung. Klassik. Stuttgart 1974. S. 71.
[51] De werken van barmhartigheid, de Volkskrant, 12.1 2002, R 15.
[52] Flüchtlingsgespräche, S. 121.
[53] Passage, S. 114 f.
[54] Mit Sicherheit kann auch den Märtyrern noch einiges vorgeworfen werden.
[55] Passage, S. 91. Sie sagt dies zu Hirschburgs Fluchthilfe für andere Verfolgte. Entweder ist ihre Äußerung direkt als Kommentar auf das Verhalten anderer Flüchtlinge zu verstehen, oder noch komplizierter: sie zeigt auch ihren eigenen Egoismus, denn sie will nicht, daß anderen Verfolgten auch geholfen wird. Wie auch immer ist ein unwidersprochener Satz wie “Jeder denkt nur an sich selbst” überhaupt nicht anders als unethisch interpretierbar, so lange er gegen die Verfolgten gerichtet bleibt. Andere wunderbare Sentenz Lenkas, die Ideale vorgibt, die im externen Kommunikationssystem als Beurteilung von Verhalten dienen: “Stolz ist ein sehr sperriges Gepäck, wenn man auf der Flucht ist.” S. 70.
[56] Passage, S. 85.
[57] Die Aufwertung der Frontkameraden kommt auch wieder zurück in Heins neuestem Roman In seiner frühen Kindheit ein Garten in der Freundschaft Zurek/Immenfeld siehe weiter unten.
[58] Passage, S. 71. „Das einzige Buch., was..“ Ist der schlechte Stil hier unabsichtlich, also Hein original, oder absichtlich ein Frankfurther unterstellter schlechter Stil???
[60] Gwosc, Der Publistist und Redner, S. 13. Vgl. Hein, Unbelehrbar - Erich Fried. (1990) Diese Rede ist einne Meisterleistung Heins. Sein Lob des Leistungsprinzips ist zwar keine Neuigkeit. Neu ist aber das Lob des Marktprinzips (S. 55). Originell ist die Rückführung von Stalin auf das Urchristentum ( S. 50 f.).
[61] Der Publistist und Redner, S. 14.
[62] Detlef Gwosc hat bei mir protestiert (17.10.2004) wegen dieser Bemerkung, die er als völlig unzulässig ansieht. Er ist der Meinung, daß ich seinen Artikel überhaupt nicht verstanden habe. Ich habe Gwosc, nach nochmaligem Lesen seines Artikels, wissen lassen, daß ich durchaus sehen kann, daß er wichtige Informationen zusammengetragen hat und daß auch sein Artikel technisch gesehen gut geschrieben ist; daß ich aber an meiner zugegebenermaßen sehr scharfen und polemischen Bemerkung festhalte. – Ich bleibe dabei: Gwosc hat Hein nicht kritisch gelesen. Der „Prager Frühling“ war nicht dazu da, um das Leistungsprinzip einzuführen, sondern strebte nach einem demokratischen Sozialismus!
[63] Passage, S. 69.
[64] Passage, S. 69.
[65] Zionistische Schriften, S. 24.
[66] Passage, S. 101.
[67] Hirschburg selbst reinigt sich von der alten Mitschuld durch seinen rite de passage. Das Stück macht dagegen keinerlei positive Aussage über Juden, die es versäumen, sich von ihrer Mitschuld zu reinigen.
[68] Karl Kraus beschreibt in Dritte Walpurgisnacht (S. 98 ff.) die unbeschreiblich naive, unterwürfige und wild entschlossen idealisierende Haltung dieser “nationaldeutschen” Juden. Hirschburg entspricht durchaus der Beschreibung des nationaldeutschen Juden bei Kraus. Was Kraus satirisch abwertet, wertet Hein wieder, ganz unsatirisch, auf.
[69] Passage, S. 64.
[70] Passage, S. 110. Zu Fichte und dem Stellenwert dieses Zitates mehr im Idealismus-Kapitel www.passagenproject.com/idealismus.html .
[71] Passage, S. 85.
[72] Ich gehe hier von der Rezeption im Westen aus, um die es mir hauptsächlich geht, und die von Hein auch mit eingeplant war (Uraufführung des Stücks gleichzeitig im Osten und Westen). Aber auch in den Geschichtsbüchern der DDR dürfte einiges über Faschismus und Judenverfolgung gestanden haben.
[73] Frankfurther macht dagegen nur leere Sprüche, zu Hirschburg,: “Diese weisen Sprüche können über manche Grenze hinweghelfen. Auch das werden Sie noch erfahren.” Passage, S. 69, oder bringt sich und andere durch Ungeduld in Gefahr: „FRANKFURTHER Wir müssen gehen, Lisa. Wir müssen sofort über die Grenze. „LISA: Ruhig, bleiben Sie ruhig, Hugo. Es wäre eine Dummheit, am hellen Tage loszulaufen. [...] FRANKFURTHER: Lisa, laß uns nach Spanien gehen. Sofort. LISA: Mittags über die Grenze! Wir würden nicht einmal am Dorfposten vorbei kommen.[...] FRANKFURTHER: Es ist besser, wir brechen auf. Es wäre Wahnsinn, zu warten. [...] LISA: Hugo, wir müssen jetzt alle sehr vernünftig sein.“ Passage, S. 103
[74] Das Böse, S. 271.
[75] Berding, Moderner Antisemitismus, S. 38.
[76] Berding, Moderner Antisemitismus, S. 39.
[77] Berding, Moderner Antisemitismus, S. 218.
[78] Berding, Moderner Antisemitismus, S. 220. Gustav Meyrink Walpurgisnacht (1917): “ ‘Alles recht schön und gut’ unterbrach ein alter Handwerker ungeduldig, ‘aber was soll jetzt geschehen?’ ‘Du hörst doch: die Juden totschlagen und den Adel! Ieberhaupt alles, was sich patzig macht’, belehrte ihn der tschechische Lakai. “ Berlin 1985, S. 139. Reve, S. 138: ”Het socialisme verfolgt joden en Katholiken.”
[79] Ein Traum, S. 187, 189, S. 195. Stalin ließ 10.000 Juden nach Birobidjan deportieren. Zunächst fanden die Judne hier eine sichere Enklave, 1940 wurden dann jiddische Schulen, Synagogen, Bibliotheken, Theater und Media durch Stalin vernichtet und die kulturelle und politische Elite ermordet. De erfenis van Stalin, Corine de Vries, de Volkskrant 18.6.2005, S. 27.
[80] Ein Traum, S. 191.
[81] Ein Traum, S. 192. Judenfeindlichkeit, besonders die nicht-rassistische, kann außer auf die kommunistische Bourgeoisiekritik auch auf den sich Autoritäten widersetzenden und deshalb für unterdrückende Machthaber unbequemen Kern des Judentums zurückgeführt werden. Heinz Brandt meint zu Stalins Antisemitismus: “Es ist noch keinem Tyrannen gelungen, mit seinen Juden fertig zu werden.” S. 195.
[82] Passage, S. 73.
[83] Passage, S. 116.
[84] Passage, S. 116.
[85] Kommentare zu den Gedichten von Brecht. In: Versuche über Brecht, S. 83. Benjamin spricht sich an dieser Stelle auch über die Parodie aus, die die Vorlage dem Gespött preisgeben will: also genau die Art der Parodie, um die es sich bei Hein gegenüber dem Passagen-Werk strukturell handelt. Bei Benjamin geht es allerdings nicht um eine literarische Parodie, sondern um die Parodie der “Expropriierung der Expropriateure” in der Judenverfolgung.
[86] Dreigroschenroman, S. 154 f.
[87] Dreigroschenroman, S. 366.
[88] Dreigroschenroman, S. 307.
[89] Mitarbeit M. Steffin.
[90] Das Land, in dem das Proletariat nicht genannt werden darf. In: Versuche über Brecht, S. 52.
[91] Furcht und Elend, Szene 9. Stücke, S. 452.
[92] Der Stellvertreter, S. 236, S. 317 f.
[93] Der Stellvertreter, S. 174, S. 299.
[94] Wessis in Weimar, S. 100. In Ein weites Feld heißt es unpathetischer, daß Juden nur noch das KZ offenstand “was prompt auch der Witwe Liebermann passiert wäre, hätte sie nicht selbst Schluß gemacht.” S. 57. Ein anderer Freitod eines Juden kommt im gleichen Buch vor: Eckhard Freundlich, der im übrigen fand, daß für Juden (in Deutschland nach der Wende immer noch) kein Platz sei. Dazu “hätte [Fonty] sich sagen können; ‘ Nicht nur für Juden ist hier kein Platz.’ ” S. 662.
[95] Außerdem wendet sich Idealisierung regelmäßig gegen die Idealisierten, so auch hier: der Ehemann des Selbstmörder-Paares hält vor dem gemeinsamen Selbstmord seiner Frau eine lobende Ansprache zu ihrer sexuellen Leistungsfähigkeit und Sportlichkeit unter dem Nenner “weil du immer besser geworden bist” (S. 162). Hier, wie an vielen Stellen in Passage, beginnt der Leser nach Zeichen zu suchen, daß diese Äußerungen in einem höheren Zusammenhang noch einen anderen Stellenwert bekommen als den zynisch-platten Gehalt, den sie schon bei erster Sicht haben. Aber die Suche nach einem Zusammenhang, der solche und ähnliche Bemerkungen im Stück selbst als absurd markiert, bleibt ohne Resultat.
[96] vgl. zu dieser Form der “ethischen Willfährigkeit” Bourdieu, Die Regeln der Kunst, S. 126.
[97] Passage, S. 80 f.
[98] Passage, S. 115. Auch Bürgermeister, S. 123: “Es sind zu viele.”
[99] Bruder Eichmann, Szene 10. Reinbek. B. Hamburg, 1986. Siehe auch Grass: Mein Jahrhundert, 1962.
[100] Bruder Eichmann, Szene 14. Auf die Schwierigkeiten in diesem Stück - fragwürdige Analogien zu anderen politischen Erscheinungen z.B. kann hier nicht eingegangen werden. Siehe hierfür ***
[101] Passage, S. 128.
[102] Die gerette Zunge, S. 137.
[103] Dritte Walpurgisnacht, S. 59. Hervorhebungen von Karl Kraus.
[104] Weil es nicht mehr so viel Juden gibt, wird das Gefühl “zu viele” heutzutage auf andere Randgruppen gerichtet.
[105] Ein weites Feld, S. 58.
[106] Ein weites Feld, S. 60, S.61.
[107] Ein weites Feld, S. 166.
[108] Karl Kraus, Dritte Walpurgisnacht, S. 170.
[109] Zionistische Schriften, S. 299.
[110] Zionistische Schriften, S. 37, 354.
[111] “Der emanzipierte Jude ist haltlos”, Zionistische Schriften, S. 51.
[112] Zionistische Schriften, S. 32, 48.
[113] Zionistische Schriften, S. 324.
[114] Zionistische Schriften, S. 380, S. 326.
[115] z.B. Zionistische Schriften, S. 145, 198.
[116] Knopf, Handbuch Lyrik, S. 75.
[117] Fragen, Antworten, Fragen, S. 196 ff.
[118] Passage, S. 68.
[119] Passage S. 72: Großzügige Geste Greniers: Brot für Kurt, der es nicht bestellt hat. S. 91: ROSA GRENIER: Man ist ja ein Mensch. Aber wohin das führen soll, das weiß ich nicht. Essen Sie einen Teller Suppe mit uns? “ S. 98: LISA: “Madame Grenier hat ein paar grüne Bohnen und Kartoffeln dazu gegeben.” S.118: OTTO: “Aber das hier, das sieht vielversprechend aus. Madame Grenier tischt auf, was Küche und Keller markenfrei hergeben.” S. 127: Zweimal wird angesprochen, daß Madame Essen mitgibt. S. 130: Vorletzte Replik des Stücks: ROSA GRENIER: “Wollen Sie jetzt essen?”
[120] Passage, S. 72.
[121] Passage, S. 104.
[122] Passage, S. 67. Die tiefe Wahrheit bezieht sich auch auf das sicher oft unhöfliche und - wer weiß - auch äußerst unbescheidene Verhalten von Flüchtlingen. Karl Kraus erwähnt deutsche Flüchtlinge in Paris: “Berliner Literaten, die [...] dem Edelmut der Gastgeber die Bezeichnung ‘les greuel’ abnötigen [..] für die Wirkung auf die Außenwelt wäre es unter allen Umständen günstiger, niemals solche Lebensverhältnisse zu schaffen, die eine Auswanderung zur Folge haben...” Dritte Walpurgisnacht, S. 121.
[123] Mutter Courage, Szene 4.
[124] Die Bäuerin zur trommelnden Kattrin: „Hast denn kein Mitleid? Hast gar kein Herz? Hin sind wir, wenn sie auf uns kommen! Abstechen tuns uns.“ (Dies geschieht später auch). Szene 11.
[125] Me-Ti, S. 61; kritisch auch zum falschen Mitleid Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft Viertes Buch , S. 227.
[126] Marat/Sade, Szene 12.
[127] Der Butt, S. 515.
[128] Der Butt, S. 515f.
[129] Der Butt, S. 238.
[130] Ritter von der traurigen Gestalt, S. 185.
[131] Das Selbstmordmotiv, S. 223.
[132] Das Selbstmordmotiv, S. 230.
[133] Ritter von der traurigen Gestalt, S. 185.
[134] Mehr hierzu siehe im Aristoteles-Kapitel www.passagenproject.com/aristoteles.html .
[135] Ritter von der traurigen Gestalt, S. 186.
[136] Wagenbach, Vaterland, Muttersprache, S. 422.
[137] Behn, Christoph Hein, S. 11 f.
[138] Wagenbach, Vaterland, Muttersprache, S. 422.
[139] Leben des Galilei, Szene 7: Barberini und Galilei. Stücke, S. 515.
[140] Die Zeit, die nicht vergehen kann, S. 141.
[141] “Simpel gezegd: wat voorgaande generaties hebben gedaan, willen wij voorkomen, maar door hen konkret aan te wijzen, ontwijken we de confrontatie met onszelf. Het mag in een kerkgebouw wel worden gezegd: er bestaat een oudere traditie die beduidend radicaler is en die stelt dat er in ons allen een potientiële moordenaar schuilt, omdat de mens een zwak een zondig creatuur is, tot het kwade geneigd.” NWO/OKW-voorjaarslezing Belast verleden. NRC Handelsblad 20.5.2000, S. 49.
[142] Joh. 8,7.
[143] Ich weiß daß du weißt, S. 131.
[144] z.B. Lorbeerwald und Kartoffelacker, In: Öffentlich arbeiten, S. 9.
[145] In seiner frühen Kindheit, S. 80.
[146] In seiner frühen Kindheit, S. 81.
[147] In seiner frühen Kindheit, S. 186.
[148] In seiner frühen Kindheit, S. 187.
[149] Dorothea Hauser, Rechte Leute von links? Die RAF und das deutsche Volk, In: Zur Vorstellung des Terors, Die RAF, Bd. 2, S. 136, 137.
[150] Tobias Wunschik, Magdeburg statt Mosambique, Die RAF Aussteiger in der DDR, In: Zur Vorstellung des Terrors, Bd.2, S. 237, zitiert wird Uwe Backes, Bleierne Jahre.
[151] Landnahme, S. 352.
[152] Landnahme, S. 353.
[153] Landnahme, S. 335.
[154] Landnahme, S. 342.
[155] siehe das Dekadenzkapitel www.passagenproject.com/dekadenz.html ; siehe auch das Tragödien- und Selbstmordkapitel zur Frage Opfer und Selbstmord.
[156] Landnahme, S. 62.
[157] Landnahme, S. 342.
[158] Passage, S. 66.
[159] Natürlich lebte Hein auch nicht in einer Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen ein Helfer war.