Christiaan Huygens-

damals und heute

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Christiaan Huygens und Johannes Kepler

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Huygens braucht für seine populärwissenschaftliche Erzählung Cosmotheoros(1695) intelligente Planetenbewohner, als didaktisches Mittel, und für die Anschaulichkeit und die perspektivische Schilderung;  darum behauptet er auch, dass die Planetenbewohner astronomische Beobachtung anstellen, so wie wir.


Huygens ist nicht der erste, der die Perspektive der außerirdischen Wesen verwendet, um eine anschauliche wissenschaftliche Schilderung zu gestalten, die das kopernikanische System unterstützt und erklärt. Johannes Kepler, der Entdecker der Planetenbewegungen (keplersche Gesetze), hat in seiner kleinen Wissenschaftsdichtung „Somnium Astronomicum“(1634, posthum) , auf die Huygens hinweist, wissenschaftliche Erkenntnis, Mythologie und Phantasie verbunden. Kepler ließ sich dabei durch Lukian und vor allem Plutarchs „Mondgesicht“ inspirieren. Beide Texte, vor allem Plutarch, dienten Huygens als klassische Quellen. Die Lehre des Kopernikus wird verständlich und tastbar, wenn man sich vergegenwärtigt, wie das Sonnensystem für einen außerirdischen Beobachter aussieht. Kepler und Huygens haben mit ihren Visionen die späteren Raumfahrten schon spielerisch und erstaunlich detailliert vorweggenommen.

Karl S. Guthke:

„Keplers Traum, 1634 veröffentlicht, aber schon 1609 geschrieben und hand­schriftlich in Umlauf gebracht, ist das erste literarische Werk, das, inspiriert von der kopernikanischen Naturwissenschaft, Aliens im Weltraum themati­siert.“ (S. 81)

Obwohl Keplers Schrift im Gegensatz zum Cosmotheoros deutlich phantastische Züge trägt, kann man auch wichtige Parallelen zwischen den Texten nachweisen. Keplers erster Satz, mit dem er seinen „Traum“ einleitet, lautet: „Als im Jahre 1608 die Zwistigkeiten zwischen den Brüdern Kaiser Rudolph und Erzherzog Matthias ihren Höhepunkt erreicht hatten […]“

Der Kontext von Krieg und Elend verbindet Kepler und Huygens ebenso wie die Gesellschaftskritik und die Abneigung von bewaffneten Konflikten. Huygens ist durchgängig ein Optimist, der sich nahezu in einer Leibnizianischen „besten aller Welten“ wähnt, und allen Übeln noch etwas Gutes abgewinnen kann. Der Optimismus verlässt ihn jedoch beim Gedanken an das Schießpulver: „Wir aber haben auch das Schießpulver, das aus Schwefel und Salpeter gemischt und bereitet wird und zu mancherlei Gebrauch dienlich ist; aber ob es mehr Nutzen als Schaden bringt, kann mit Recht in Zweifel gezogen werden. Es hatte zwar den Anschein, als ob man durch die verwunderliche Gewalt des Schießpulvers und durch die geschickte Art, Städte zu befestigen, sicherer vor feindlichen Angriffen als in alten Zeiten leben konnte. Wir sehen aber, dass auch der Feinde Gewalttätigkeit sehr überhandgenommen hat, so dass man in den Feldschlachten mit Stärke und Tapferkeit nicht mehr so viel ausrichten kann wie früher.[…] In diesem einen Falle wollte man sagen, es wäre besser für die Menschen, wenn das Schießpulver nie erfunden worden wäre.“

Schießpulver und Bomben durchlöchern beinahe Huygens‘ standhaften Optimismus: eine echte Anfechtung. Für Huygens wie für Kepler gibt der Standpunkt außerhalb der Erde Gelegenheit zur Relativierung der irdischen Konflikte, und gibt eine Gelegenheit, die Sinnlosigkeit von Kriegen anzuprangern. Huygens: „Von meiner Darstellung kann man sich überzeugen lassen, wie riesig das Sonnensystem ist und wie unbedeutend die kleine Erdkugel ist, auf der wir so viel unternehmen, so viele Schiffreisen machen, und so viele Kriege führen. Wollte Gott, dass unsere Könige und Monarchen dieses erkennen und überlegen mögen, so dass sie sähen, wie schlecht sie handeln, wenn sie sich mit allen Kräften und vieler Menschen Not abmühen, um eine kleine Ecke dieser Erde zu besetzen.“

Kepler beschreibt den Mond als Land „Levania“. Er macht einen Unterschied zwischen den Mondbewohnern, die auf der Seite des Mondes wohnen, die der Erde zugewandt ist, und den Bewohnern, die auf der Seite wohnen, die der Erde abgewandt ist, und die also die Erde nie sehen. Die ersten nennt er „Subvolvaner“ , die letzteren „Privolvaner“. „Volva“ ist bei Kepler die Erde, die sich vor den Augen der Mondbewohner dreht; von lateinisch volvere (drehen); im Gegensatz zum Mond dreht die Erde sich um ihre eigene Achse.

Die Passage bei Huygens über die eventuellen Mondbewohner und ihren Blick auf die Erde ist stark an Kepler angelehnt (Huygens ist übrigens skeptisch, was Mondbewohner angeht; er hält Mondbewohner für viel unwahrscheinlicher als Planetenbewohner). Huygens:

Der Mond hat zwei Seiten, und von der einen Seite sieht man die Erde ununterbrochen, während man von der anderen Seite aus die Erde niemals sieht. Diejenigen, die auf der Grenze zwischen den beiden Hälften wohnen, sehen die Erde manchmal, und manchmal nicht. Die Erdbetrachter auf dem Mond sehen aber die in der Himmelsluft schwebende Erdkugel viel größer als uns der Mond erscheint, nämlich viermal größer in ihrem Durchschnitt. Dies aber ist erstaunlich, dass die Mondbewohner die Erde Tag und Nacht am gleichen Ort am Himmel unbeweglich stehen sehen. Manche sehen sie über ihrem Kopf stehen, andere sehen sie über dem Horizont, andere am Horizont, während die Erde sich um ihre Achse dreht, und dabei in einer Zeit von vierundzwanzig Stunden nacheinander alle ihre Länder zeigt und daher auch diejenigen bei den beiden Polen, die uns Erdbewohnern noch unbekannt sind. Ach, dass wir sie doch auch sehen könnten!“

Im Cosmotheoros bezieht sich Huygens mehrere Male auf Kepler. Nicht nur auf Keplers „Traum“, sondern auch – selbstverständlich- auf die wichtigen Keplerschen Gesetze- „[…] was besonders Johannes Kepler beobachtet hat, wie fein der Abstand der Planeten (auch der Erde) von der Sonne mit den aufgeführten periodischen Zeiten in gewisser Proportion übereinstimmt, so wie auch bei den Monden von Jupiter und Saturn, so dass es beachtet werden muss, dass die Abstände und die Umlaufzeiten miteinander zusammenhängen.

Huygens äußert sich aber auch sehr kritisch zu Keplers Vorstellung des Universums und der Fixsterne: „[…] Es ist daher glaubhafter, dass die Sterne über den weiten Himmelsraum ausgestreut liegen und der Abstand von der Erde zu den nächsten Sternen der gleiche ist wie von diesen zu den nächsten, und dann wieder zu den nächsten, unendlich weit.

Ich weiß, dass Kepler in seiner erwähnten ‚Epitome‘ anderer Meinung ist. Denn obwohl er sehr wohl meint, dass die Sterne über den Himmelsraum ausgesät sind, so behauptet er doch, die Sonne habe einen viel weiteren Raum um sich hin, gleichsam eine leere Sphäre, über welcher erst der mit Sternen volle Himmel beginnt, denn er meint, wir würden sonst nur wenige Sterne und diese in sehr großer Ungleichheit sehen […] „

Huygens protestiert gegen die Meinung Keplers, dass „die Sonne etwas besonderes wäre vor allen anderen Sternen“ und stellt fest: „Wir aber haben- mit den größten Wissenschaftlern dieser Zeit- keine Bedenken, die Sonne und die Fixsterne als von ein- und derselben Natur einzuschätzen. Dadurch erscheint das Universum nun viel größer als man nach bisherigen Schätzungen meinen musste.“

Karl S. Guthke erläutert Keplers Bemerkungen zu außerirdischem Leben, die dieser in verschiedenen Schriften machte, und zeigt, dass Kepler die Sonderstellung des Menschen, der Erde und der Sonne im Universum noch verteidigt; er also noch nicht den radikalen dezentralen Standpunkt von Huygens einnimmt:

„[….] wesentlich bleibt [bei Kepler] das ganze Universum für <uns> als irgendwie höchste Lebewesen geschaffen, und es bleibt überschaubar, ein in symbolischer Geometrik geschlossener Weltraum.“ ( S. 104)

Siehe auch:

Christiaan Huygens und sein Cosmotheoros

Maria Trepp

Literatur:

Guthke, Karl S., Der Mythos der Neuzeit: das Thema der Mehrheit der Welten in der Literatur- und Geistesgeschichte von der kopernikanischen Wende bis zur Science Fiction, Bern 1983

Kepler, Johannes, Der Traum, oder: Mond-Astronomie, Aus dem Lateinischen von Hans Baumgarten, Berlin 2011

 

Die Huygens-Cosmotheoros-Parodie bei Immanuel Kant

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Bei Immanuel Kant finden sich Hinweise auf Christiaan Huygens, und finden sich Überlegungen zu außerirdischem Leben und zum Analogiebeweis. Kants Text „Von den Bewohnern der Gestirne“ ist ein Anhang seiner Schrift „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“. Im Untertitel des dritten Teils (Anhangs) nennt Kant auch das Analogieprinzip, auf das Huygens sich so ausführlich stützt : „[…] welcher einen Versuch einer auf die Analogien der Natur gegründeten Vergleichung zwischen den Einwohnern verschiedener Planeten in sich enthält.“

Kant verwendet Gedichte von Alexander Pope zur Illustration. Das dritte Kapitel bei Kant, das ich zum Teil als Cosmotheoros-Parodie lese, wird eingeleitet mit einem Vers, der sich auf Huygens bezieht:

Wer das Verhältniss aller Welten von einem Theil zum andern weiss,
Wer aller Sonnen Menge kennet und jeglichen Planetenkreis,
Wer die verschiedenen Bewohner von einem jeden Stern erkennet,
Dem ist allein, warum die Dinge so sind, als wie sie sind, vergönnet,
Zu fassen und uns zu erklären.“

 

Kant parodiert hier im dritten Teil seiner Schrift Huygens‘ Cosmotheoros, oder zumindest Huygens Analogie“beweise“, wie auch die übertriebene Sicherheit beim Schildern der Details. Kants erster Absatz kann als eine Parodie auf  Huygens‘ Einleitung gelesen werden, in der Huygens seine Mutmaßungen rechtfertigt und gleichzeitig angibt, warum seine wissenschaftlichen Mutmaßungen den literarischen Versuchen anderer (Kepler, Lukian) überlegen sind. Kant:

„Weil ich dafür halte, dass es den Charakter der Weltweisheit entehren heisse, wenn man sich ihrer gebraucht, mit einer Art von Leichtsinn freye Ausschweifungen des Witzes, mit einiger Scheinbarkeit. zu behaupten, wenn man sich gleich erklären wollte, dass es nur geschähe, um zu belustigen, so werde [ich] in gegenwärtigem Versuche keine anderen Sätze anführen, als solche, die zur Erweiterung unseres Erkenntnisses wirklich beytragen können, und deren Wahrscheinlichkeit zugleich so wohl gegründet ist, dass man sich kaum entbrechen kan, sie gelten zu lassen.“

Wenn man Huygens’ Text und Einleitung kennt, sieht man die Wiederholung, die hier bei Kant dann parodistisch klingt. In der folgenden Passage hört man Kants Kritik auf Huygens; hier ist der Text weniger parodistisch als direkt kritisch- Kant wiederholt nicht die Elemente und Gedankenstruktur, die man Huygens findet, sondern kommt mit einer kritischen Einschränkung, die Huygens selbst nicht gibt:

„Obgleich es scheinen mochte, dass in dieser Art des Vorwurfes die Freyheit zu erdichten keine eigentliche Schranken habe, und dass man in dem Urtheil von der Beschaffenheit der Einwohner entlegener Welten mit weit grösserer Ungebundenheit der Phantasey könne den Zügel schiessen lassen, als ein Mahler in der Abbildung der Gewächse oder Thiere unentdeckter Länder, und dass dergleichen Gedanken weder recht erwiesen, noch widerlegt werden könten [...]

Im zweiten Teil des Absatzes bereitet Kant seine eigene parodistische Beschreibung der Planetenbewohner vor:

„[…] so muss man doch gestehen, dass die Entfernungen der Himmelskörper von der Sonne gewisse Verhältnisse mit sich führen, welche einen wesentlichen Einfluss in die verschiedenen Eigenschaften der denkenden Naturen nach sich ziehen, die auf denenselben befindlich sind, als deren Art zu wirken und zu leiden, an die Beschaffenheit der Materie, mit der sie verknüpft seyn, gebunden ist und von dem Mass der Eindrücke abhänget, die die Welt nach den Eigenschaften der Beziehung ihres Wohnplatzes zu dem Mittelpunkte der Attraction und der Wärme, in ihnen erweckt.“

Kants parodistische Absicht wird deutlicher, wenn er dann auf Christiaan Huygens („witziger Kopf aus dem Haag“) hinweist und Huygens spaßhaft eine Satire unterstellt, wobei Kant Läuse für Planetenbewohner einsetzt:

„Die satyrische Vorstellung jenes witzigen Kopfes aus dem Haag, welcher nach der Anführung der allgemeinen Nachrichten aus dem Reiche der Wissenschaften die Einbildung von der nothwendigen Bevölkerung aller Weltkörper auf der lächerlichen Seite vorzustellen wusste, kann nicht anders als gebilligt werden. ‘Diejenigen Creaturen,‘ spricht er, ‚welche die Wälder auf dem Kopfe eines Bettlers bewohnen, hayten schon lange ihren Aufenthalt für eine unermessliche Kugel und sich selber als das Meisterstück der Schöpfung angesehen, als einer unter ihnen, den der Himmel mit einer feinern Seele begabt hatte, ein kleiner Fontenelle seines Geschlechts, den Kopf eines Edelmanns unvermuthet gewahr ward. Alsbald rief er alle witzige Köpfe seines Quartiers zusammen und sagte ihnen mit Entzückung: Wir sind nicht die einzigen belebten Wesen der ganzen Natur; sehet hier ein neues Land, hie wohnen mehr Läuse.’ Wenn der Ausgang dieses Schlusses ein Lachen erweckt: so geschieht es nicht um deswillen, weil er von der Menschen Art, zu urteilen, weit abgehet; sondern weil eben derselbe Irrthum, der bei dem Menschen eine gleiche Ursache zum Grunde hat, bei diesen mehr Entschuldigung zu verdienen scheint.“ (S.131)

Nachdem Huygens keine derartige Satire geschrieben hat (… und meines Wissens auch kein anderer Autor „aus dem Haag“) , ist diese Passage ein klarer Hinweis auf Kants satirische Absicht, und möglicherweise auch ein Hinweis darauf, dass Kant das Augenzwinkern bei Huygens wahrgenommen hat.

Kants Text bewegt sich, wie Huygens’ Cosmotheoros, zwischen Wissenschaft, Literatur und Satire.  Die Satire ist bei Kant deutlicher als bei Huygens; zum einen, indem Kant selbst die Läusesatire nennt, zum anderen auch dadurch, dass Kant Verse des Satirikers Pope (eines Freundes von Jonathan Swift) zitiert. Popes und Kants Satire gipfelt in der unsinnigen Analogie von der Materie der Planeten und der Intelligenz ihrer Bewohner. Je weiter entfernt von der Sonne, um so leichter der Planet und umso intelligenter die Bewohner.  Dies ist eine direkte parodistische Umkehrung von Huygens’ (hier wohl ernstgemeinter) Fragestellung:

„Wohl aber könnte man eine Zweifelsfrage formulieren: Nachdem das Leben von Wärme herstammt und Leib und Gemüt Kraft und Schnelligkeit gibt, sollte man dann nicht vermuten, dass diese Hermapoliten (Merkurbewohner) uns an Verstand überlegen sind, weil sie der Sonne so nahe sind? Ich kann hieran nicht glauben […] Deswegen möchte ich auch nicht gerne denen, die auf dem Jupiter oder Saturn wohnen, plumpe und dumme Gemüter, oder einen Verstand, der geringer wäre als der unsere, anmessen nur deswegen, weil sie so viel weiter von der Sonne entfernt leben, wo doch diese beide Kugeln so eine wunderbare Größe und ansehnliche Begleiter haben.“

Huygens sagt (und hierbei widerspricht er der teils ironischen Unterstellung Fontenelles zum unterschiedlichen Charakter der Planetenbewohner): Lebewesen sind nicht dümmer oder klüger, abhängig vom Abstand zur Sonne. Kant macht davon das parodistische Gegenteil: je weiter weg von der Sonne, desto intelligenter.

Dazu meint Kant, dass, wenn die Erdbewohner dann eifersüchtig würden auf die viel intelligenteren Saturnbewohner, sie nur eben zu den dummen Venus- und Merkurbewohnern blicken müssten, um wieder fröhlich zu werden. Kant: „Von der einen Seite [würden] wir denkende Geschöpfe [sehen] , bey denen ein Grönländer oder Hottentotte ein Newton seyn würde: und auf der andern Seite andere, die diesen als einen Affen bewundern.“ (S. 138) Also, Newton wäre für die Saturnbewohner nur ein Affe; und für die Venusbewohner wäre ein irdischer Hottentotte schon ein Genie wie Newton. (Huygens und Kant teilen die wohl leider nicht ironische Verachtung für alles, was nicht europäisch ist …). Auch hier, wie bei Huygens, die ironische Relativierung des menschlichen Genies.

Kant beschließt seine ausführliche geistreiche Huygens/Fontenelle-Parodie (die von vielen als ernsthafte Argumentation gelesen wird!) mit der sehr treffenden Bemerkung: „Wer zeigt uns die Grenze, wo die gegründete Wahrscheinlichkeit aufhört und die willkührlichen Erdichtungen anheben?“  (S.144)

Ausführlicher Hintergrund  über Christiaan Huygens und seinen Text „Cosmotheoros“:  hier klicken

Siehe auch ältere Blogbeiträge.

Maria Trepp

Christiaan Huygens: Außerirdisches Leben und Ironie

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[Teil 3 über Christiaan Huygens und seinen “Cosmotheoros“]


Christiaan Huygens formuliert im Cosmotheoros den Gedanken, dass es noch viele andere Sonnen und Planeten im Universum geben könnte, und spekuliert im Detail über außerirdisches Leben.
Dies wird hier und da als spekulativer unwissenschaftlicher Ausrutscher gesehen (Alexander von Humboldt meinte in seinem Buch über den Kosmos, Huygens‘ Spekulationen über Außerirdische seien eines strengen Mathematikers unwürdig), besonders weil Huygens so unerhört stark ins Detail geht, und sicher meint sagen zu können, dass auf den anderen Planeten Leben existiert, und zwar nicht nur intelligentes Leben, sondern dass dort auch Wesen leben, die wie wir Astronomie und Musik betreiben.

Ausserirdischer Astronom

Die Ausserirdischen machen nach Huygens auch Musik…

Lessing, der Huygens gelesen hatte, schreibt sehr treffend und ironisch über die Sicherheit beim „Bevölkern“ der Planeten:

Die Planetenbewohner

Mit süßen Grillen sich ergötzen,Einwohner in Planeten setzen,Eh man aus sichern Gründen schließt,

Daß Wein in den Planeten ist:

Das heißt zu früh bevölkern

Freund, bringe nur zuerst aufs reine,

Daß in den neuen Welten Weine,

Wie in der, die wir kennen, sind:

Und glaube mir, dann kann ein Kind

Auf seine Trinker schließen.

Ich meine jedoch, dass es gute Gründe gibt, Huygens‘ Text ironisch aufzufassen: Mutmaßungen also betreffend die Ironie bei Christiaan Huygens. Ich denke zunächst durchaus, dass ein Teil der Argumente für die Existenz der Planetenbewohner ernsthaft und nicht ironisch ist. Ohne Zweifel muss der Cosmotheoros als ein Plädoyer für außerirdisches Leben gelesen werden. Huygens ist davon überzeugt, dass wir Menschen nicht einzigartig sind. Die Frage ist jedoch, ob er wirklich alles meint, was er stellenweise schreibt, wie zum Beispiel, dass er „beweisen“ kann, dass die Planetenbewohner Astronomie, Schifffahrt und Musik betreiben. Es fällt jedenfalls auf, dass ein Bruch durch den Text geht, nämlich einerseits da, wo von „Mutmaßungen“ – wovon zu Anfang die Rede ist-, zu „Beweisen“ (nämlich Zirkelbeweisen) übergegangen wird; andererseits auch da, wo von allgemeinen Prinzipien (wie etwa außerirdisches Leben) übergegangen wird auf ein groteskes Detailniveau, wenn zum Beispiel die Rede davon ist, dass auch die Planetenbewohner die Oktave in 31 Stufen teilen, so wie Huygens selbst; und schließlich da, wo kleine, aber durchaus annehmliche Wahrscheinlichkeiten (Leben auch anderswo im All) aufeinander gestapelt werden und schließlich nicht als minimale, sondern als große Wahrscheinlichkeit oder Sicherheit gesehen werden.Huygens gibt an mehreren Stellen an, wie unglaubwürdig seine eigene Darstellung ist, und verteidigt seine „Beweise“ mit Argumenten, die so übertrieben und auffällig schlecht sind, dass der Eindruck entsteht, dass er hier seinen Spott mit dem Leser treibt. Sicher, es ist durchaus möglich, dass der alternde Huygens entgegen den Bestrebungen seines ganzen Lebens ins kindliche Spekulieren verfallen ist. Es ist aber ebenso möglich, dass ein Teil seines Textes ironisch verstanden werden muss. Ironie als ein Kontrast zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gemeint wird, ist eine komplexe Form von Kommunikation; ein Spiel mit der eigenen Überlegenheit, und mit dem Wissen und Nicht-Wissen des Lesers. Ironie ist nur möglich, wenn der Sprecher erwarten kann, dass wenigstens ein Teil seiner Adressaten ihn verstehen kann. Huygens wünscht sich explizit eine gebildete Leserschaft, auch wenn er etwas resigniert schon vorwegnimmt, dass nicht alle Leser das gewünschte Niveau haben werden: „[…] Nur möchte ich wünschen, dass meine Schrift nicht in die Hände von jedermann geraten wird. Ich würde gerne neben dem Herrn Bruder meine Leser nach meinem Belieben wählen, und dann solche, die nicht nur in der Astronomie bewandert sind, sondern auch in der Philosophie, und bei welchen ich auf Zustimmung hoffen darf, […]Und er fügt hinzu, dass er schon vorhersieht, dass seine Schriften in die Hände missverstehender Menschen geraten werden.Huygens wünscht sich also Leser, die ein Bildungsniveau haben, das ironische Kommunikation erlaubt. Zusätzlich unterstreicht er seine ironischen Übertreibungen hier und da mit Ausrufen: „Was?“ und mit vorweggenommenen Fragen oder vorweggenommenem kritischen Unverständnis, das er beim Leser erwartet. „Was? Werden sie [die Planetenbewohner] dann auch andere Dinge haben, die zum gesellschaftlichen Leben gehören?“

„Ironie versteht der Leser nie“ wird manchmal gesagt. Ironie versteht der Leser jedenfalls nur dann, wenn er scharf mitdenkt und bewusst paradoxe oder ambivalente Äußerungen des Autors für möglich hält.Die „Beweise“, die Huygens im Cosmotheoros vorlegt, sind, wie Huygens selbst erläutert, Analogiebeweise. Der Beweis, bei dem man aus der Gleichheit schließt und von untersuchten Dingen auf nicht untersuchte schließt, hat ein großes Gewicht. Und wir werden unsere Vermutungen anstellen nach der Art dieses Beweises, indem wir von dem einzigen Planeten, den wir vor Augen haben, auch auf die übrigen schließen werden, und annehmen, dass sie auch von dieser Art sind“.

Der Leidener Astrophysiker Vincent Icke meint hierzu: „[Der Analogiebeweis] ist kein echter Beweis, und das wusste der Mathematiker Huygens natürlich genau.“ Ich denke auch, dass Huygens dies genau wusste, und darum betrachte ich Huygens „Beweis“führung als teilweise ironisch.Das Hauptproblem mit Huygens‘ „Beweisführung“ im Cosmotheoros ist die (möglicherweise bewusste) Vermischung von mathematisch/axiomatischer/spekulativer Beweisführung und naturwissenschaftlich-erfahrungsbasierter Beweisführung.Huygens setzt im Text als Grundsatz und Axiom immer wieder voraus, dass die Planeten (-Bewohner) der Erde und ihren Bewohnern in nichts nachstehen dürfen, nicht „weniger wert“ sein dürfen. Huygens gibt selbst nicht an, wie er zu diesem Urteil (von ihm „Beweis“ genannt)  kommt. Implizit und explizit gibt er zu, dass die Planeten sich sehr wohl unterscheiden, was ihre „Würde“ betrifft, so wie in Größe, Anzahl der Monde, Abstand zur Sonne, und damit Licht und Wärme.Nun ist der Unterschied von axiomatischem und naturwissenschaftlichem Argumentieren ein Hauptthema der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts, und auch ein Thema bei Huygens.

In seiner berühmten Abhandlung über das Licht schreibt Huygens über die Art seiner wissenschaftlichen Beweise:„Man wird darin [in Huygens‘ Abhandlung über das Licht] Beweise von der Art finden, welche eine ebenso große Gewissheit als diejenigen der Geometrie nicht gewähren und welche sich sogar sehr davon unterscheiden, weil hier die Prinzipien sich durch die Schlüsse bewahrheiten, welche man daraus zieht, während die Geometer [Mathematiker] ihre Sätze aus sicheren und unanfechtbaren Grundsätzen beweisen; die Natur der behandelten Gegenstände bedingt dies. Es ist dabei gleichwohl möglich, bis zu einem Wahrscheinlichkeitsgrade zu gelangen, der sehr oft einem strengen Beweise nichts nachgibt. Dies ist nämlich dann der Fall, wenn die Folgerungen, welche man unter Voraussetzung dieser Prinzipien gezogen hat, vollständig mit den Erscheinungen im Einklang sind, welche man aus der Erfahrung kennt.“

Hier macht Huygens auch, wie im Cosmotheoros, einen Übergang von „sehr wahrscheinlich“ zu „bewiesen“, aber mit dem großen Unterschied, dass hier die Folgerungen im Einklang mit (experimentellen) wiederholten Erfahrungen sind.Huygens legt im Cosmotheoros keine Beweise vor, sondern allenfalls Hypothesen. Ein Teil seiner Behauptungen kann nicht den Status einer Hypothese beanspruchen; ein anderer Teil aber durchaus. Als potentiell falsifizierbare Hypothese (und inzwischen zum Teil falsifizierte Hypothese), die auch deutlich eingebettet ist in eine wissenschaftliche Theorie, kann zum Beispiel Huygens Vermutung gelten, dass sich in unserem unser Sonnensystem Planetenbewohner finden, dass aber auf Mond und Sonne solche Bewohner vermutlich nicht existieren.Den Unterschied zwischen Beweisen und Hypothesen kannte Huygens ganz genau. Er spricht auch im Cosmotheros von der neuen wissenschaftlichen Arbeitsweise, wobei nicht mehr Axiome aufgestellt werden, sondern Hypothesen verbessert werden: „…[man muss mit] Hypothesen den Lauf der Sterne gleichsam erraten[…] , die ersten Hypothesen aber, nachdem Beobachtungen und geometrische Beweise deren Fehler nachweisen, durch die folgenden verbessert werden müssen.“

Vincent Icke:„Huygens war direkt an der Begründung der wissenschaftlichen Physik beteiligt, die wir jetzt kennen […] das größte Ereignis aus dieser Zeit [besteht] nicht in einer von [den großen]  Entdeckungen, so bedeutend sie auch gewesen sind. Es geht mehr um die Erfindung einer Arbeitsweise, einer Vorgehensweise: einer Art um Kenntnis zu erwerben, die seitdem nicht mehr verbessert wurde.Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste: Huygens und seine Mitgelehrten verursachten eine Wende in der Entwicklung der Wissenschaft durch einen Übergang von Postulat zu Hypothese, von Feststellung zur Unterstellung.

Huygens kennt den Unterscheid zwischen echtem Beweis und Analogiebeweis, zwischen Hypothese und Beweis nur allzu gut, und dennoch nennt er seine eigenen absurd detaillierten Phantasien „Beweise“. Senile Spekulationen oder Ironie? Beides ist möglich,  das Letztere vor allem mit dem Gedanken an Huygens‘ eigene relativierende Bemerkungen im Text. Wenn ein großer Geist entweder Unsinn redet oder ironisch aufgefasst werden kann, ist es weise und respektvoll, als Leser ihm die Ironie zuzugestehen.John Locke, Zeitgenosse und Bekannter von Huygens, schrieb in seinem Versuch über den menschlichen Verstand (1690, zum Teil geschrieben in den Niederlanden):

“ In Dingen, wo die Sinne keine Auskunft geben können, ist die Analogie die Hauptregel der Wahrscheinlichkeit.“ Dies gilt nach Locke, wenn der Gegenstand nicht in das Bereich der Sinne fällt und deshalb auch nicht bezeugt werden kann. „Dahin gehören […]  das Dasein stofflicher Dinge, die entweder wegen ihrer Kleinheit oder zu großen Entfernung durch die Sinne nicht bemerkt werden; z.B. die etwaigen Pflanzen, Tiere und verständigen Bewohner der Planeten oder anderer Aufenthaltsorte in dem großen Weltall.” (Sechzehntes Kapitel “Von den Graden des Zustimmens, § 12).

Locke spricht von Wahrscheinlichkeit… nicht von Beweisen.Im Cosmotheoros glänzen ironische Selbstrelativierung und selbstbewusster Stolz gleichzeitig. Die Relativierung des Menschen und von Huygens selbst ergibt sich aus dem Argument, dass Menschen und Astronomen nicht einzigartig sind. Aber auch der Stolz hat seinen Platz: Huygens reflektiert selbstbewusst sein eigenes Werk und Schaffen, aber genauso auch die Kenntnisse der Menschheit, so wie sie sich zum Ende des 17. Jahrhunderts darstellten. Die Entdeckungsreisen auf der Erde und die neuen Erkenntnisse nennt Huygens immer wieder. Im 17. Jahrhundert wurde nicht nur der Himmel, sondern vor allem auch die Erde erforscht, und Huygens’ Cosmotheoros handelt eben so sehr von der Entdeckung der Erde und des Menschen wie von der Entdeckung des Himmels.

Huygens: „Es wird sicher nicht ohne Nutzen bleiben, wenn wir uns gleichsam außerhalb dieser Erdkugel begeben und diese von Ferne betrachten und erforschen, ob es nur diese Erde alleine sei, auf die die Natur ihren Schmuck verwendet hat. Denn hierdurch werden wir ihre eigentliche Beschaffenheit und ihren Ort besser verstehen, genau wie diejenigen, die nach einer Reise durch ferne Länder den Zustand ihres Vaterlandes besser beurteilen können, als diejenigen, die nie gereist sind.“Falls es Huygens Ernst gewesen sein sollte mit allem, was er schreibt -auch was die Details der Planetenbewohner angeht-, dann hat er seine Argumentation jedenfalls schlecht verteidigt. Er wendet sich nämlich explizit an seine Kritiker, und gibt deren rationale Argumente gut wieder, ohne sich gut zu verteidigen. Sollte er dies wirklich nicht bemerkt haben?

Huygens: „Nun weiß ich, dass es Leute geben wird, die sagen, dass es allzu kühn ist, den Planetenbewohnern diese Dinge zuzuschreiben, und dass wir hierzu nur gelangt sind durch Wahrscheinlichkeit auf Wahrscheinlichkeit zu stapeln, und wenn auch nur eine dieser Wahrscheinlichkeit anders sei, das ganze Kartenhaus zusammenfällt. Diese Kritiker aber sollten wissen, dass dasjenige, was wir vom Studium der Astronomie [auf den Planeten] sagen, bewiesen werden könnte und man damit den Anfang in der Argumentation machen könnte, und man alles bisher gesagte weglassen könnte.“

Ich halte diese Passage für ironisch. Huygens gibt selbst an, dass – was die spezifischen Eigenschaften der Planetenbewohner betrifft- Wahrscheinlichkeit auf Wahrscheinlichkeit gestapelt wird; dabei einige womöglich sehr geringe Wahrscheinlichkeiten. Huygens selbst hat eine Abhandlung über die Theorie des Würfelspiels (De ludo aleae, 1655) verfasst, wodurch er heute als einer der Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung gilt. Was das Stapeln von Wahrscheinlichkeit betrifft, ist er selbst ein Kenner.  Er schreibt nun im Cosmotheoros erst, dass sein Ausgangspunkt die Tatsache ist, dass die Menschen sich selbst nicht als allzu einzigartig betrachten sollen („die übrigen Planeten unserer Erde an Würde in nichts nachstehen“), und nun wird dieser Ausgangspunkt plötzlich zum „Beweis“. Es erscheint mir sehr unwahrscheinlich, dass Huygens diesen Zirkelbeweis nicht bewusst ironisch eingeführt hat.Huygens hat keineswegs bewiesen, dass es Planetenbewohner gibt, die musizieren, Schifffahrt und Astronomie betreiben. Tatsächlich aber hat er gedanklich nachgewiesen, dass es eine – wie auch immer kleine- Möglichkeit gibt, dass auch anderswo im Weltall intelligente Wesen stolz sein könnten auf hochzivilisierte Leistungen, und selbst, dass die Wahrscheinlichkeit tatsächlich nicht ganz null ist (obwohl man sich dies kaum vorstellen kann), dass andere, weit entfernte Wesen sich mit so etwas wie den Details der Oktave beschäftigen.Wie dem nun auch immer sei, was Huygens‘ Ironie betrifft, oder seinen spekulativen Ernst: die Frage nach dem Verhältnis von Huygens zu seinem eigenen Text kann den Leser faszinieren und ergibt eine zusätzliche Dimension im Text, neben Wissenschaft, Geschichte, Philosophie und Phantasie.

Siehe auch:

Der Cosmotheoros von Christiaan Huygens: moderne deutsche Version mit Einleitung

Übersetzung Niederländisch Deutsch

Alle Texte

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