Christiaan Huygens-

damals und heute

Christiaan Huygens und René Descartes

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Christiaan Huygens baut sein Werk expandierend und überwindend auf sowohl  Galilei als auch auf René Descartes. Im seinem letzten Text Cosmotheoros nennt Huygens Galilei ein paarmal anerkennend, aber nicht auffällig oft. Huygens nennt dagegen Descartes immer wieder, und ausschließlich kritisch. Auch in anderen späten Texten distanzierte sich Huygens von vielen Aspekten des Cartesianismus. Der drittletzte Satz im Cosmotheoros, Huygens letztem öffentlichen Text, lautet:

„Alle diese Gedanken von Descartes über Kometen, Planeten und den Ursprung der Welt sind mit so nichtigen Argumenten gesponnen, dass ich mich oft wundere, wie er so viel Mühe hat aufwenden können, um solche Phantasien zusammenzuschmieden.“

Descartes und Christiaan Huygens

Descartes, Freund des Vaters von Christiaan Huygens

Offensichtlich hat Huygens am Ende seines Lebens das Bedürfnis, sich stark von seinem Lehrmeister Descartes abzugrenzen, was sicher auch mit Huygens’ Freundschaft und Briefwechsel mit dem Descartes-Kritiker Leibniz zusammenhängt.

Descartes ist in vieler Hinsicht ein persönlicher und intellektueller „Übervater“ für Huygens gewesen.  Descartes war mit Huygens’ leiblichem Vater Constantijn Huygens Senior befreundet. Auch war Christiaan Huygens bei seinem Studium in Leiden von einem Cartesianer aus Leidenschaft ausgebildet worden, von Franciscus van Schooten, Professor in der Mathematik. Van Schooten hat alles, was Descartes gesagt hatte, mehr oder weniger als Offenbaring betrachtet.

Huygens hat das Werk von Descartes sowohl fortgesetzt als auch radikal kritisiert. Die Kontinuität mit Descartes ist vor allem in Huygens’ Streben zu finden, die Ursache aller natürlichen Wirkungen auf mechanische Gründe zurückführen. Bei Descartes fallen Mathematik und Physik beinahe zusammen, und auch Huygens‘ naturwissenschaftliche Arbeiten sind stark mathematisch orientiert. Doch machte Huygens einen großen Unterschied zwischen der Gewissheit, die man mit Hilfe der Mathematik erlangt, und der hypothetischen Natur der Naturwissenschaft. Huygens lehnte Descartes’ Bestreben ab, die Naturwissenschaft zu axiomatisieren.

Huygens‘ scharfe Kritik an Descartes, dass dieser nämlich seine Mutmaßungen und Fiktionen als Wahrheiten ansehe (Brief an Bayle 1693, Oeuvres complètes 10, 403-406) ist ein zusätzliches Argument, um bestimmte Passagen im Cosmotheoros als ironisch, oder als Descartes-Parodie zu verstehen. Huygens kombiniert im Cosmotheoros scharfe Descartes-Kritik mit parodistischen Passagen, wo er gerade dasjenige, was er an Descartes kritisiert, auf eklatante Weise selbst praktiziert: er lässt stellenweise seine Mutmaßungen über Planetenbewohner zu „bewiesenen“ Sicherheiten werden.

Huygens wurde berühmt mit seinen Arbeiten zum elastischen zentralen Stoß, mit denen er Descartes‘ Stoßgesetze widerlegte. Huygens nahm Galileis Schiff zum Ausgangspunkt seiner Gedanken über einander stoßende und zurückprallende Kugeln, und verglich die Wahrnehmungen einer mitfahrenden Person mit denen eines Beobachters am Ufer. Das Relativitätsprinzip (also die physikalische Gleichwertigkeit von Ruhe und gleichförmiger Bewegung) besagt, dass die Naturgesetze für beide Beobachter die gleichen sind. Auf diese Weise konnte Huygens die korrekten Stoßgesetze ableiten und Descartes widerlegen, dessen Stoßgesetze (bis auf eines) falsch waren.

Im Cosmotheoros lehnt Huygens Descartes‘ Atomismus ab als Erklärungsprinzip für alles Leben:

„Die Vortrefflichkeit der göttlichen Weisheit und Vorsehung ist auch an Pflanzen und Tieren viel besser zu erkennen als an unbelebten Dingen. Ein Nachfolger des Demokrit oder des Descartes, der die Erklärung der Dinge, die wir auf der Erde oder am Himmel sehen, etwa so versuchen würde, dass er hierzu nichts als Staub und Atome und deren Bewegung nötig hätte, könnte dies wohl kaum mit Pflanzen und Tieren tun, und er wird, was den Ursprung dieser betrifft, nichts Wahrscheinliches anführen können, weil es allzu deutlich ist, dass diese Dinge niemals aus der herumschwirrenden Bewegung einiger kleiner Teile hervorkommen können.“

 

Gottfried Wilhelm von Leibniz, Freund und Schueler von Christiaan Huygens

Gottfried Wilhelm von Leibniz, Freund und Schueler von Christiaan Huygens

Huygens verteidigt hier eine transzendent-teleologische Denkweise gegen den Materialismus von Descartes und Demokrit.  Viele der huygensschen Gedanken sind auch bei seinem Briefpartner und Freund (und Descartes-Kritiker) Leibniz zu finden, der aber gegenüber Descartes noch wesentlich kritischer war als Huygens.

Leibniz nannte die Philosophie der Atomisten eine „faule“ Philosophie, da diese Auffassung, welche die Atome als letzte Bausteine ansieht, die lebendige, sich verändernde Welt nicht tiefgründig genug analysiere.

Huygens wendet sich scharf gegen Descartes‘ Meinung, Tiere wären gleich zu stellen an Automaten und würden keinen Schmerz empfinden:

Einige neuere Philosophen sprechen außer dem Menschen auch den Tieren alle Sinne ab und betrachten diese nur als Maschinen oder Automaten, und es würde mich wundern, wenn jemand ihrer ungereimten und harten Meinung beifallen kann, wo doch die Tiere mit der Stimme, Vermeidung der Schläge und auch sonst in allen Dingen das Gegenteil zeigen.“

René Descartes, Verfechter der mechanistischen Naturauffassung, vertrat eine provozierenden Formulierung: Tiere sind nichts anderes als “Maschinen”. Tiere kennen keinerlei “émotions de l´ame”, keinerlei Gefühle der Seele. Sie haben gar keine Seele und folglich auch keine seelischen Regungen. Sie haben kein Bewusstsein, keine Gedanken, keine Gefühle. Descartes:

„Auch ist es sehr bemerkenswert, dass, obwohl manche Tiere in manchen Handlungen mehr Geschicklichkeit zeigen als wir, man doch sieht, dass ebendieselben Tiere in vielen anderen Handlungen gar keine zeigen; so dass, was sie besser als wir machen, keineswegs Geist beweist, denn in diesem Falle würden sie mehr Gaben besitzen als einer von uns und es auch in allen anderen Dingen besser machen, sondern (es zeigt sich) vielmehr, dass sie keinen Geist haben und allein die Natur in ihnen nach der Disposition ihrer Organe handelt. Man sieht ja auch, dass ein Uhrwerk, das bloß aus Rädern und Federn besteht, richtiger als wir mit aller unserer Klugheit die Stunden zählen und die Zeit messen kann.“ (Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs, 1637, Kap. V, Unterschied zwischen Mensch und Tier)

In seiner Anlehnung des cartesianischen metaphysischen Rationalismus nimmt Huygens, wie Leibniz, einen teleologischen Standpunkt ein. Aus moderner Sicht ist dies gegenüber Descartes ein Rückschritt, und tatsächlich war Huygens in manchen Aspekten, so wie in seiner geometrischen Mathematik oder in seinem teleologischem Denken, konservativ. Jedoch ist die Kritik am cartesianischen metaphysischen Dualismus auch im modernen philosophischen Diskurs noch sehr aktuell.

Auch in seiner wichtigen Publikation über das Licht bezieht sich Huygens sowohl anerkennend als auch kritisch auf Descartes:

„Ich habe nämlich stets [...] gemeint, dass selbst Descartes, welcher doch bestrebt war, alle Gegenstände der Physik in verständlicher Weise zu behandeln, und welchem dies gewiss auch viel besser gelungen ist als irgend einem seiner Vorgänger, betreffe des Lichtes und seiner Eigenschaften nichts gesagt hat, was nicht voller Schwierigkeiten oder sogar unbegreiflich wäre.“ (Kap. I, S. 14)

Anders als Descartes meinte Huygens, dass die Lichtgeschwindigkeit nicht unendlich groß ist. Anhand von Beobachtungen von Ole Römer an den Bewegungen der Jupitermonde konnte Huygens die Lichtgeschwindigkeit recht genau bestimmen.

Ausführlich und kritisch geht Huygens im letzten Teil seines Cosmotheoros auf Descartes’ kosmische Wirbeltheorie ein, obwohl diese sich nicht wesentlich von Huygens’ eigener, aber abgewandelter Wirbeltheorie unterscheidet.

Descartes' Wirbeltheorie

Christiaan Huygens kritisiert Descartes’ Wirbeltheorie

Der Leidener Astrophysiker Vincent Icke schreibt über Descartes:

„Descartes war auch ein hervorragender Physiker. Nicht nur fand er eine Erklärung für die Art und Weise, wie der Regenbogen seine Farbe bekommt durch die Bewegung des Lichts in kugelförmigen Regentropfen, er untersuchte auch, was sich hinter Galileis Mechanik unseres Sonnensystems verbarg. Galilei sagte: ‚Wenn sich etwas auf einer Kreisbahn bewegt, dann bleibt das so.‘ Hierdurch fühlte er sich von der Verpflichtung befreit, nachzuweisen, wie die Bahnen der Planeten in unserem Sonnensystem zustande kommen. Descartes‘ Gedanke war, dass für die Planetenbahnen eine Erklärung zu finden sein musste, dass also eine Kraft diese Bewegungen steuern musste. Er stellte die Behauptung auf, dass die Planeten in ihren Bahnen angetrieben werden durch eine matière subtile, eine unsichtbare Materie. In der Astronomie würde man heutzutage vielleicht dunkle Materie oder dunkle Energie sagen, ein hypothetischer „Stoff“, der den handfesten Stoff, aus dem wir gebaut sind, in Wirbeln oder „vortices“ mit sich mitnimmt. Der Grund, dass diese Wirbel bestehen bleiben konnten, war nach Descartes, dass sie durch die Wirkung von angrenzenden Wirbeln beeinflusst würden.“(Aus: De ruimte van Christiaan Huygens, Übersetzung Maria Trepp)

Huygens hält bei aller Kritik sehr wohl an der cartesianischen Wirbeltheorie fest, nur will er, anders als Descartes,  die Wirbel einander nicht berühren lassen:

Huygens:

 „Ich bin der Meinung, dass jeder Stern von einem Wirbelkreis schnell bewegter Materie umgeben wird, der sich in seiner räumlichen Beschaffenheit und seiner Art der Bewegung (bei der sich die Materie bewegt) stark von den Cartesianischen Wirbeln unterscheidet. Bei Descartes sind die Wirbel so groß, dass jeder von ihnen die anderen berührt […] so wie Kinder Seifenblasen übereinander blasen […] Diese Bewegung würde aber durch die eckige Oberfläche der Wirbel unmöglich gemacht.“

Der berühmte niederländische  Wissenschaftshistoriker Eduard Jan Dijksterhuis schreibt:

„Er [Huygens] weicht zwar prinzi­piell von ihm [Descartes] ab, indem er die Atome sich in vacua bewegen lässt und ihre absolute Härte als selbständige Eigenschaft postuliert, aber er folgt kon­sequent der cartesianischen Methode, als wichtigstes Erklärungsmittel eine Reihe verschiedener Sorten von Materie anzunehmen, die sich durch die Größenordnung ihrer Teilchen und deren Geschwindigkeiten von­einander unterscheiden.“(Die Mechanisierung des Weltbildes,  S. 513)

Huygens nimmt im Cosmotheoros wie auch in anderen späten Texten heftig Abstand von Descartes. Jedoch wird Huygens von Dijksterhuis als der „vollendete Cartesianer“ beschrieben.

„Der vollendete Cartesianer, bei welchem die mathematische Be­handlung auch in diesem anderen Sinne zu ihrem Recht kommt, ist erst Christian Huygens. Denn dieser spottet zwar […] manchmal über die allzu reiche Phantasie, die Descartes bei seinen Erklärungen entwickelt, und er sieht auch die Fehler, die dieser macht, sehr scharf, aber den Grundideen der cartesianischen Natur­betrachtung bleibt er sein Leben lang treu, und auf dieser Grundlage baut er dann die Theorien auf, in denen die Ideale seines großen Vor­gängers verwirklicht werden.“ (Die Mechanisierung des Weltbildes, S. 463)

Und anders als bei Descartes, der seine Behauptungen nicht oder wenigstens nicht überall mit mathematischen Beweisen unterbaute, war Huygens‘ Weltbild nicht nur ein „mechanisiertes“ Weltbild, sondern auch ein mathematisiertes Weltbild.

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