Persönlichkeitsveränderung im Laufe des Lebens

Persönlichkeitsveränderung im Laufe des Lebens

Was bestimmt das Handeln der Menschen? Viele von uns erklären menschliches Verhalten intuitiv mit Persönlichkeitsmerkmalen: also mit einem charakteristischen Muster des Denken, Fühlens und Verhaltens, das im Laufe der Zeit einigermaßen stabil und in verschiedenen Situationen konstant bleibt.

Um Persönlichkeitsmerkmale wüten seit den 1960er Jahren heftige wissenschaftliche Debatten, wobei einige Psychologen argumentieren, dass Situationen und nicht feste Persönlichkeitseigenschaften die wichtigsten Ursachen des Verhaltens sind. Persönlichkeit ist zum großen Teil oder jedenfalls zur Hälfte erblich. Lernpsychologen bezweifeln aber den Einfluss von Erblichkeit, und unterstreichen, dass Situationen und Lerngeschichte das Verhalten beeinflussen, mehr als stabile interne oder erbliche Faktoren.

In den letzten zwei Jahrzehnten wurde in umfangreichen Untersuchungen festgestellt, dass Persönlichkeitsmerkmale existieren, und auch durchaus das tatsächliche Verhalten einer Person vorhersagen können und auch Vorhersagekraft haben, was verschiedene Indikatoren von Lebenserfolg betrifft wie z.B. Einkommen.

Die Auswirkungen von Persönlichkeitseigenschaften auf Verhalten sind am einfachsten zu erkennen, wenn Menschen immer wieder in den unterschiedlichsten Situationen beobachtet werden. In einer einzigen bestimmten Situation wird das Verhalten einer Person durch sowohl die Persönlichkeit als auch die Situation beeinflusst. Aber wenn jemand in vielen verschiedenen Situationen beobachtet wird, kann man den Einfluss der Persönlichkeit auf das Verhalten feststellen.

Viele Untersuchungen und Berechnungen haben auch ergeben, welche Persönlichkeitsmerkmale für Verständnis von Verhalten am wichtigsten sind. Das Hauptmodell (universale Standardmodell) der Persönlichkeitspsychologie heißt Big Five oder auch Fünf-Faktoren-Modell (FFM). Dies ist ein Persönlichkeitsmodell, das fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit zeigt: Extraversion (Gegenpol: Introversion), Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus (= negative Emotionalität) und Offenheit für neue Erfahrungen.

Big Five copyright ctp. publication at gmail
Big Five copyright ctp. publication at gmail

Persönlichkeitsmerkmale sind zwar relativ stabil über die Zeit hinweg, sie können sich jedoch auch während der Lebensdauer allmählich ändern und zwar  in der Regel in eine positive Richtung. Viele Studien zeigen, dass die meisten Erwachsenen verträglicher, gewissenhafter und emotional belastbarer sind, wenn sie älter werden. Diese Veränderungen entwickeln sich über Jahre oder Jahrzehnte. Mehrere Untersuchungen der letzten Jahre haben dies gezeigt, die interessanteste und ausführlichste (über 1 Million Probanden) stammt von Christopher J. Soto und anderen und wurde im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht (Age Differences in Personality Traits From 10 to 65: Big Five Domains and Facets in a Large Cross-Sectional Sample, Journal of Personality and Social Psychology 2011, Vol. 100, No. 2, 330–348). Es geht hierbei um eine Querschnittsstudie, was heißt, dass verschiedene Personen auf verschiedenen Altersstufen untersucht wurden, und also nicht die gleichen Personen mehrere Male getestet wurden, wie bei einer Längsschnittstudie, die zuverlässigere Aussagen ermöglicht.

Die Untersuchung von Soto et al. ist aus mehreren Gründen sehr interessant:

  • Es werden Persönlichkeitsunterschiede bei Personen im Alter von 10 Jahren bis zu 65 Jahren untersucht
  • Die Ergebnisse werden geschlechterspezifisch analysiert
  • Die Ergebnisse werden nicht nur auf der Ebene der 5 Big Five-Dimensionen untersucht, sondern auch noch detaillierter: getrennt für zwei verschiedenen Facetten pro Big Five-Dimension. Bei manchen Big Five-Dimensionen sind dann auch die Alterstrends besonders interessant auf der Detailebene der Facettendimension, wie z.B. die Facettendimension Selbstdisziplin als Unterdimension der Gewissenhaftigkeit.

Ergebnisse der Querschnitt-Studie Persönlichkeitsveränderung bei Erwachsenen:

(Ergebnisse für Kinder; Jugendliche und junge Erwachsene siehe Originalstudie)

  • Gewissenhaftigkeit nimmt bei älteren Probanden zu, wobei Frauen gewissenhafter sind als Männer (siehe Diagramm Soto S. 337unten links)
  • Die Teildimension Selbstdisziplin ist hauptverantwortlich für die zugenommene Gewissenhaftigkeit, während Ordentlichkeit (die zweite Facette der Dimension Gewissenhaftigkeit) nicht besonders zunimmt (siehe Diagramm Soto S. 337unten rechts). Die Zunahme von Selbstdisziplin hängt vermutlich mit der Sozialisierung und Verantwortung in Arbeit und Familie zusammen.
  • Verträglichkeit verändert sich nicht stark bei älteren Personen, sie nimmt leicht zu. Frauen sind verträglicher als Männer (siehe Diagramm Soto S. 338 oben).
  • Neurotizismus, mit den Facetten Angst und Depression, nimmt während des Lebens ab (dies wird in allen ähnlichen Studien gefunden), wobei junge Frauen sehr viel höher scoren als junge Männer, und die Neurotizismus-Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Laufe des Lebens abnehmen (siehe Diagramm Soto S. 338). Möglicherweise sind hormonelle Ursachen ein Grund der stärkeren Ausgeglichenheit bei älteren Frauen.
  • Extraversion bleibt während des Lebens in etwa gleich, und Frauen sind etwas extravertierter als Männer (siehe Diagramm Soto S. 340 oben).
  • Offenheit nimmt bei älteren Probanden leicht zu. Männer sind im Durchschnitt offener als Frauen. Auf der Ebene der Facetten zeigen sich große Unterschiede: Frauen aller Altersstufen sind aufgeschlossener für Ästhetik als Männer; während Männer ab dem Alter von 25 Jahren viel aufgeschlossener sind für neue Ideen als Frauen (S. 341 oben)

Alle diese Ergebnisse der Persönlichkeitsveränderung gelten nicht auf individueller Ebene, sondern können auch auf Generationsunterschiede zurückzuführen sein. Auch können die Ergebnisse kulturspezifisch sein, da die Fragen auf Englisch ausgefüllt wurden (…aber für jedermann im Internet zugänglich waren).

Maria Trepp, Diplompsychologin und Übersetzerin

(Dieser Text erscheint auch auf Niederländisch).

Pluralistische Ignoranz

Pluralistische Ignoranz ist ein Begriff aus der Sozialpsychologie. Dieser Begriff beschreibt eine Situation, wo die Mehrheit der Gruppe ein Verhalten oder eine Meinung ablehnt, aber die Personen einzeln (und im Widerspruch zur Wirklichkeit!) davon überzeugt sind, dass die anderen Gruppenmitglieder das abgelehnte Verhalten oder die abgelehnte Meinung sehr wohl gut finden (oder auch umgekehrt: man selbst lehnt etwas ab, glaubt aber zu Unrecht, dass andere dies gut finden). Wenn Personen in einer Gruppe sich in einer unsicheren und schwer zu beurteilenden Situation befinden, und niemand weiß, wie man handeln soll, achtet man gern auf andere und deren Verhalten. Dieses Verhalten der anderen wird dann oft nicht als Unsicherheit interpretiert (während diese Interpretation auf der Hand liegt, wenn man auch unsicher selbst ist), sondern als Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Man interpretiert daher das Verhalten anderer, die sich gleich verhalten wie man selbst, anders als das eigene Verhalten und passt sich dann auch noch an die verkehrt aufgefasste allgemeine Meinung an. Unterschiede zwischen privater Meinung und öffentlichem Verhalten sind in der sozialpsychologischen Literatur als eine Form von sozialem Einfluss gut dokumentiert. Sozialer Einfluss spielt auch eine zentrale Rolle bei diesem Phänomen der pluralistischen Ignoranz.

Beispiele:

  1. Der Lehrer fragt, ob es irgendwelche Fragen gibt. Niemand sagt etwas. Viele Teilnehmer nehmen dies als ein Zeichen dafür, dass die anderen alles verstanden haben, und dies, während die anderen Teilnehmer auch unsicher sind oder Fragen haben und selbst auch auf die Reaktionen der Gruppe achten.
  2. Des Kaisers neue Kleider: das Märchen von Hans Christian Andersen: jeder sieht, dass der Kaiser keine Kleider hat, aber glaubt fälschlicherweise, dass die anderen Leute sehr wohl die Kleidung des Kaisers sehen können. Man sagt nichts, um nicht dumm oder abnormal zu erscheinen.

pluralistische Ignoranz Kaisers neue Kleider

  1. Trinkgewohnheiten unter Studenten und der Einfluss von Gleichaltrigen auf diese Gewohnheiten. Untersuchungen zu Alkoholkonsum unter Studenten haben gezeigt, dass die meisten Studenten der Meinung waren, dass ein durchschnittlicher Student  viel positiver gegenüber Alkoholkonsum stand als sie selbst … aber dies dachte die Mehrheit der Studenten, während es logisch nicht wahr sein kann, dass es für mehr als die Hälfte der Studenten gilt, dass der durchschnittliche Student Alkoholkonsum positiver bewertet als der Student selbst!

Siehe Deborah A. Prentice, Dale T. Miller, Pluralistic Ignorance and Alcohol Use on Campus
Some Consequences of Misperceiving the Social Norm, Journal of Personality and Social Psychology, February 1993 Vol. 64, No.
2, 243-256

  1. Viele Beispiele von Vorurteilen: eine aktuelle Studie zeigt, dass viele Amerikaner über Atheisten nicht negativ denken, aber (zu Unrecht) denken, dass ihr Umfeld negativer ist als sie selbst, und darum eine öffentliche ablehnende Haltung einnehmen. (When Private Reporting Is More Positive Than Public Reporting: Pluralistic Ignorance Towards Atheists)
  2. Das bekannteste Beispiel der pluralistischen Ignoranz ist der Zuschauereffekt. In einer Notsituation mit mehreren Zuschauern greift niemand ein, da jeder die zögerliche Nichteinmischung der anderen als eine bewusste Entscheidung versteht und daraus ableitet, dass Maßnahmen nicht erforderlich sind.
  3. Halbesleben et al. (2007) argumentieren, dass die pluralistische Ignoranz der Grund sein kann, dass Arbeitnehmer ihre wahre Meinung zu einem Thema nicht mit Kollegen teilen, weil man denkt, dass die Gruppenidentität verteidigt werden muss und dass die Gruppe stillschweigend eine andere Meinung hat als man selbst. Das Ergebnis ist dann eine höhere Belastung und ein geringerer Grad der Beteiligung bei den Mitarbeitern. Für die Organisation als Ganzes kann pluralistische Ignoranz zu einer schwachen Organisationskultur führen, die eigentlich nicht von den Mitgliedern der Organisation unterstützt wird. Dies kann zu schlechten Entscheidungen führen, weil die Mitarbeiter ihre eigenen Überzeugungen nicht zum Ausdruck bringen und sich an eine vermeintliche gemeinsame Meinung anpassen.

Halbesleben JRB, Wheeler AR, Buckley MR (2007) Understanding pluralistic ignorance: application and theory. Journal of Managerial Psychology 22(1):65–83

  1. In Smarter Than You Think: How Technology Is Changing Our Minds for the Betterbeschreibt Clive Thompson die systematische Verwendung von pluralistischer Ignoranz durch autoritäre Regimes. Wenn jeder denkt, dass andere das Regime tolerieren, wird niemand den Aufstand wagen (siehe auch die Kleidung des Kaisers). Clive Thompson meint, dass die Verbreitung der digitalen und sozialen Medien die pluralistische Ignoranz aufheben kann. Aktivisten und Unterstützer können nun miteinander über die (versteckten) Ziele, Aktionen und Meinungen kommunizieren.

Maria Trepp, Psychologin und Übersetzerin