Die Aktualität von Eriksons Theorie der Lebensspanne

Die Aktualität von Eriksons entwicklungspsychologischer Theorie (Link zu Text auf NL)

Eriksons Theorie der LebensspanneDie psychosoziale Entwicklungstheorie von Erik Erikson ist auch heutzutage immer noch bedeutsam. Regelmäßig erscheinen neue Studien zu dieser Theorie, so wie in diesem Jahr in der führenden Zeitschrift Developmental Psychology. Das psychosoziale Modell von Erikson wurde hier in einer Langzeitstudie mit erwachsenen Probanden im mittleren und höheren Lebensalter empirisch überprüft (siehe unten). Jetzt, wo sich „Entwicklungspsychologie“ zur „Psychologie der Lebensspanne“ weiterentwickelt hat, ist die Theorie von Erikson besonders relevant. Oft wird empirische Unterstützung für seine Konzepte gefunden. Dies ist bemerkenswert, weil die empirischen Grundlagen für psychodynamische Konzepte häufig fehlen und Eriksons Modell außer durch die Psychoanalyse auch durch die Literatur (kein empirisches Fach!) inspiriert wurde: Shakespeares „Seven Ages of Man“

Erik Erikson war ein Kinder-Psychoanalytiker, der bei Anna Freud in Wien ausgebildet wurde. Auch hatte er eine Montessori-Ausbildung, die ihn dazu inspirierte, die normale und positive Entwicklung von Kindern vertiefend zu studieren. Dies bereicherte sein psychoanalytisches Denken. Nachdem er wegen dem Aufstieg der Nazis in den dreißiger Jahren aus Europa in die USA emigrierte, wurde er dort ein berühmter Kinderanalytiker. Er entwickelte ein Interesse an Anthropologie , nachdem er mit Margaret Mead, Gregory Bateson und Ruth Benedict in Kontakt gekommen war. Der anthropologische Einfluss ist in allen seinen Schriften stark erkennbar. Im Jahre 1950 erschien sein berühmtes Buch Kindheit und Gesellschaft, wo er acht Stufen der psychosexuellen Entwicklung sowie das Konzept der Identitätskrise beschreibt. Kind und Gesellschaft erweitert und vertieft das Modell Freuds. Die Freudsche Terminologie und das Freudsche Denken sind hier immer noch sehr erkennbar. Allerdings spielen bei Erikson soziale, gesellschaftliche und soziale Aspekte und persönliches Wachstum und innere Integration eine viel größere Rolle als bei Freud.  Erikson bewerkte (zusammen mit seiner Frau  Joan Erikson ) das Modell von Freud und wandte es auf die späteren Lebensphasen an. Er entwickelte das erste ganzheitliche Modell der Psychologie der Lebensspanne. Im Gegensatz zu Freud spricht Erikson nicht von „Trauma“, sondern von einer „Krise“ als einem bestimmten charakteristischen Konflikt in jeder Lebensphase. Dieser Konflikt ist nicht wie bei Freud intrapsychisch verursacht, sondern findet zwischen Individuum und Umwelt oder Gesellschaft statt. Aber dieser psychosoziale Konflikt kann durchaus auch ein innerer Konflikt sein, und braucht keineswegs die Form eines sozialen Gegensatzes anzunehmen. Persönliche Probleme entstehen dann, wenn eine zu einem bestimmten Stadium gehörende Entwicklungsaufgabe (oder Dilemma) nicht konstruktiv gelöst wird.

Eriksons Phasen der psychosozialen Entwicklung, Eriksons Theorie der Lebensspanne

Eriksons Theorie der Lebensspanne
Seven Ages of Man

Im ersten Lebensjahr geht es um den Aufbau von fundamentalem Vertrauen. Wenn ein Kind körperlich und sozial liebevoll betreut wird (Spiel, gute Interaktion), entwickelt es ein Urvertrauen. Konsequente und liebevolle Aufmerksamkeit legt den Grundstein für ein gutes Selbstvertrauen und Vertrauen in der Welt.

Im Kleinkindalter geht es um Autonomie. Das Kind kann und will neue Dinge tun und ausprobieren, und sollte dafür Freiheit, aber auch eine gute Unterstützung erhalten, sodass es nicht zu viele schlechte Erfahrungen macht und ängstlich wird.

Im Kindergartenalter entwickelt das Kind mehr und mehr eigene Initiative und muss hierzu Gelegenheit erhalten; muss aber auch realistische, schützende Grenzen respektieren.

Im Grundschulalter lernt das Kind, produktiv zu sein, und die Dinge selbst zu machen. Es kann selbst planen und Verantwortung übernehmen. Für ein gut entwickeltes Selbstvertrauen ist es wichtig, dass das Kind hierbei Erfolg erlebt.

Die Pubertät ist die Phase, in der es um die Ich-Identität geht. Wer bin ich, wie hängen die Teile meiner Person und meine Erfahrungen zusammen, und was will ich? Dies ist die Leitfrage in einem oft schwierigen Prozess, eine einheitliche Vision von sich selbst und der eigenen Zukunft zu entwickeln und die eigene Vision auch auf die Bedürfnisse der Gesellschaft anzupassen. In diesem Bereich der Identitätsentwicklung in der Pubertät und im frühen Erwachsenenalter (bis ca. 24 Jahre) wird jetzt – auch in Deutschland und den Niederlanden – intensiv geforscht, in den Spuren von Erikson und seines Nachfolgers Marcia.

Im jungen Erwachsenenalter bis zum Alter von 40 Jahren ist das Hauptthema der Aufbau intimer Beziehungen mit Partner und/oder Freunden.

Die Phase der sogenannten „Generativität“ in der Mitte des Lebens (Produktivität, Kreativität, soziales Engagement, die Sorge für zukünftige Generationen) wird auch häufig in neuen Studien untersucht, so auch in der neuen Studie in Developmental Psycholog (siehe unten). Dieses Stadium und das Konzept von Generativität/Produktivität/Engagement spricht moderne Menschen stark an und lässt sich gut mit den populären Vorstellungen der positiven und humanistischen Psychologie verbinden. Der humanistischen Psychologie ist Erikson sicherlich auch durch sein Buch über Gandhi nahe, wo er sein psychosoziales Modell an der Gandhi-Biographie zeigt. Erikson denkt- anders als hyperoptimistische Denker – immer in Gesellschafts- und Sozialbeziehungen, das bewahrt ihn vor den Exzessen einer oberflächlichen Selbstoptimierung.

Die letzte Eriksonsche Stufe, bei alten Menschen, ist im besten Fall eine Phase der Ich-Integrität und Weisheit: Integration der früheren Aufgaben und Frieden mit sich selbst, dem Leben und dem Tod. Auch diese Phase wird jetzt in der Erikson-orientierten Forschung viel studiert, wie auch in der neuen Studie von Malone et al.

Übrigens ist es wichtig – und dies wird oft übersehen-, dass die Phasen von Erikson nicht hart und deterministisch abgegrenzt sind, sondern flüssig und variabel sind. Es ist auch nicht wahr, dass ein bestimmtes Thema (= innere Krise, Entwicklungsaufgabe) streng mit einem bestimmten Alter verbunden ist. Jede Krise kann auch auf einer anderen Altersstufe stattfinden, das betont auch Erikson selbst. Jedoch ist ein bestimmtes Dilemma in einem bestimmten Alter am wahrscheinlichsten. So spielen Identitätsfragen auch noch lange nach der Adoleszenz eine wichtige Rolle, auch wenn sie im frühen Erwachsenenalter am dringendsten sind.

Neue Untersuchung

Die Studie verwendet prospektive Längsschnittdaten, um zu untersuchen, wie sich die Qualität der gemessenen Eriksonschen psychosozialen Entwicklung in der Lebensmitte zu kognitivem und emotionalen Funktionieren verhält. Auch wurde untersucht, ob dabei Depression in der späteren Lebenshälfte eine Rolle spielt. Teilnehmer waren 159 Männer aus einer longitudinalen Studie zu Entwicklung Erwachsener. Die psychosoziale Entwicklung im Sinne von Erikson wurde zunächst im Alter von 30‑47 Jahren in Interviews gemessen. Später wurde im Alter von 75‑85 Jahren eine neuropsychologische Messung durchgeführt, die kognitiven Status und Steuerung sowie Gedächtnis erfasste. Darüber hinaus wurde depressive Symptomatik anhand der Geriatric Depression Scale gemessen. Die Ergebnisse zeigten, dass höhere Eriksonsche psychosoziale Entwicklung 3 bis 4 Jahrzehnte später mit besserer kognitiver Funktion und Kontrolle und geringere Depression zusammenhing. Dagegen zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Eriksonscher Entwicklung und Gedächtnis. Depression im höheren Alter ist dabei eine Mediatorvariabele für die Beziehung zwischen Eriksonscher Entwicklung und kognitiver Funktion und Kontrolle. Alle diese Ergebnisse waren für Ausbildungsniveau und Intelligenz kontrolliert.

Die Ergebnisse haben wichtige Implikationen für das Verständnis der dauerhaften Vorteile des psychosozialen Engagements im mittleren Erwachsenenalter für die kognitive und emotionale Gesundheit im späteren Leben. Darüber hinaus kann es sein, dass weniger erfolgreiche psychosoziale Entwicklung Depressionen begünstigt.

Malone, Johanna C.; Liu, Sabrina R.; Vaillant, George E.; Rentz, Dorene M.; Waldinger, Robert J.

Midlife Eriksonian psychosocial development: Setting the stage for late-life cognitive and emotional health

Developmental Psychology, Vol 52(3), Mar 2016, 496-508.

 

Maria Trepp, Diplompsychologin

 

Persönlichkeitsveränderung im Laufe des Lebens

Persönlichkeitsveränderung im Laufe des Lebens

Was bestimmt das Handeln der Menschen? Viele von uns erklären menschliches Verhalten intuitiv mit Persönlichkeitsmerkmalen: also mit einem charakteristischen Muster des Denken, Fühlens und Verhaltens, das im Laufe der Zeit einigermaßen stabil und in verschiedenen Situationen konstant bleibt.

Um Persönlichkeitsmerkmale wüten seit den 1960er Jahren heftige wissenschaftliche Debatten, wobei einige Psychologen argumentieren, dass Situationen und nicht feste Persönlichkeitseigenschaften die wichtigsten Ursachen des Verhaltens sind. Persönlichkeit ist zum großen Teil oder jedenfalls zur Hälfte erblich. Lernpsychologen bezweifeln aber den Einfluss von Erblichkeit, und unterstreichen, dass Situationen und Lerngeschichte das Verhalten beeinflussen, mehr als stabile interne oder erbliche Faktoren.

In den letzten zwei Jahrzehnten wurde in umfangreichen Untersuchungen festgestellt, dass Persönlichkeitsmerkmale existieren, und auch durchaus das tatsächliche Verhalten einer Person vorhersagen können und auch Vorhersagekraft haben, was verschiedene Indikatoren von Lebenserfolg betrifft wie z.B. Einkommen.

Die Auswirkungen von Persönlichkeitseigenschaften auf Verhalten sind am einfachsten zu erkennen, wenn Menschen immer wieder in den unterschiedlichsten Situationen beobachtet werden. In einer einzigen bestimmten Situation wird das Verhalten einer Person durch sowohl die Persönlichkeit als auch die Situation beeinflusst. Aber wenn jemand in vielen verschiedenen Situationen beobachtet wird, kann man den Einfluss der Persönlichkeit auf das Verhalten feststellen.

Viele Untersuchungen und Berechnungen haben auch ergeben, welche Persönlichkeitsmerkmale für Verständnis von Verhalten am wichtigsten sind. Das Hauptmodell (universale Standardmodell) der Persönlichkeitspsychologie heißt Big Five oder auch Fünf-Faktoren-Modell (FFM). Dies ist ein Persönlichkeitsmodell, das fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit zeigt: Extraversion (Gegenpol: Introversion), Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus (= negative Emotionalität) und Offenheit für neue Erfahrungen.

Big Five copyright ctp. publication at gmail
Big Five copyright ctp. publication at gmail

Persönlichkeitsmerkmale sind zwar relativ stabil über die Zeit hinweg, sie können sich jedoch auch während der Lebensdauer allmählich ändern und zwar  in der Regel in eine positive Richtung. Viele Studien zeigen, dass die meisten Erwachsenen verträglicher, gewissenhafter und emotional belastbarer sind, wenn sie älter werden. Diese Veränderungen entwickeln sich über Jahre oder Jahrzehnte. Mehrere Untersuchungen der letzten Jahre haben dies gezeigt, die interessanteste und ausführlichste (über 1 Million Probanden) stammt von Christopher J. Soto und anderen und wurde im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht (Age Differences in Personality Traits From 10 to 65: Big Five Domains and Facets in a Large Cross-Sectional Sample, Journal of Personality and Social Psychology 2011, Vol. 100, No. 2, 330–348). Es geht hierbei um eine Querschnittsstudie, was heißt, dass verschiedene Personen auf verschiedenen Altersstufen untersucht wurden, und also nicht die gleichen Personen mehrere Male getestet wurden, wie bei einer Längsschnittstudie, die zuverlässigere Aussagen ermöglicht.

Die Untersuchung von Soto et al. ist aus mehreren Gründen sehr interessant:

  • Es werden Persönlichkeitsunterschiede bei Personen im Alter von 10 Jahren bis zu 65 Jahren untersucht
  • Die Ergebnisse werden geschlechterspezifisch analysiert
  • Die Ergebnisse werden nicht nur auf der Ebene der 5 Big Five-Dimensionen untersucht, sondern auch noch detaillierter: getrennt für zwei verschiedenen Facetten pro Big Five-Dimension. Bei manchen Big Five-Dimensionen sind dann auch die Alterstrends besonders interessant auf der Detailebene der Facettendimension, wie z.B. die Facettendimension Selbstdisziplin als Unterdimension der Gewissenhaftigkeit.

Ergebnisse der Querschnitt-Studie Persönlichkeitsveränderung bei Erwachsenen:

(Ergebnisse für Kinder; Jugendliche und junge Erwachsene siehe Originalstudie)

  • Gewissenhaftigkeit nimmt bei älteren Probanden zu, wobei Frauen gewissenhafter sind als Männer (siehe Diagramm Soto S. 337unten links)
  • Die Teildimension Selbstdisziplin ist hauptverantwortlich für die zugenommene Gewissenhaftigkeit, während Ordentlichkeit (die zweite Facette der Dimension Gewissenhaftigkeit) nicht besonders zunimmt (siehe Diagramm Soto S. 337unten rechts). Die Zunahme von Selbstdisziplin hängt vermutlich mit der Sozialisierung und Verantwortung in Arbeit und Familie zusammen.
  • Verträglichkeit verändert sich nicht stark bei älteren Personen, sie nimmt leicht zu. Frauen sind verträglicher als Männer (siehe Diagramm Soto S. 338 oben).
  • Neurotizismus, mit den Facetten Angst und Depression, nimmt während des Lebens ab (dies wird in allen ähnlichen Studien gefunden), wobei junge Frauen sehr viel höher scoren als junge Männer, und die Neurotizismus-Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Laufe des Lebens abnehmen (siehe Diagramm Soto S. 338). Möglicherweise sind hormonelle Ursachen ein Grund der stärkeren Ausgeglichenheit bei älteren Frauen.
  • Extraversion bleibt während des Lebens in etwa gleich, und Frauen sind etwas extravertierter als Männer (siehe Diagramm Soto S. 340 oben).
  • Offenheit nimmt bei älteren Probanden leicht zu. Männer sind im Durchschnitt offener als Frauen. Auf der Ebene der Facetten zeigen sich große Unterschiede: Frauen aller Altersstufen sind aufgeschlossener für Ästhetik als Männer; während Männer ab dem Alter von 25 Jahren viel aufgeschlossener sind für neue Ideen als Frauen (S. 341 oben)

Alle diese Ergebnisse der Persönlichkeitsveränderung gelten nicht auf individueller Ebene, sondern können auch auf Generationsunterschiede zurückzuführen sein. Auch können die Ergebnisse kulturspezifisch sein, da die Fragen auf Englisch ausgefüllt wurden (…aber für jedermann im Internet zugänglich waren).

Maria Trepp, Diplompsychologin und Übersetzerin

(Dieser Text erscheint auch auf Niederländisch).

Gibt es eine Midlife-Crisis?

Gibt es eine Midlife-Crisis?

Eine neue Studie stellt fest, dass 40- und 50-Jährige häufiger eine Lebenskrise (Midlife-Crisis) erfahren als andere, und Frauen mehr als Männer. (Adult life stage and crisis as predictors of curiosity and authenticity, International Journal of Behavioral Development)

Übrigens stellt diese Untersuchung auch fest, dass wir in solch einer Krise offener für neue Erkenntnisse sind. Wir sind dann neugieriger auf uns selbst, auf andere und auf die Welt um uns herum.

Das klassische Midlife-Crisis-Modell geht von einer U-Form der allgemeinen Zufriedenheit während des Lebens aus: hoch am Anfang und Ende des Lebens, niedrig in der Mitte des Lebens. Menschen erleben im Alter von 40 und 50 oft eine Zeit der Unruhe, Unzufriedenheit und Angst. Körperliche Veränderungen wie Gewichtszunahme, schlechtere Augen, Brillenbedarf, und weniger oder graue Haare können sicher auch zu einer schlechteren Stimmung beitragen. Die Midlife-Crisis ist eine Phase schlechter Stimmung, die nicht als psychische Störung betrachtet wird, kann sich jedoch in eine Depression oder einen Burn-out weiter entwickeln.

u-Form Midlife-Crisis

Lesen Sie hier mehr: Is well-being U-shaped over the life cycle?

[und siehe hier die niederländische Version meines Blogs zur Midlife-crisis]

Im psychosozialen Entwicklungsmodell von Erikson wird diese Phase des Lebens durch einen Konflikt zwischen Stagnation und Generativität (dem Wunsch, etwas zu produzieren, das über das Individuum hinausgeht; Produktivität und Kreativität) charakterisiert. Stagnation würde dann mit dem Konzept der Midlife-Crisis zusammenfallen, oder jedenfalls mit einer Phase der Unsicherheit, bevor man die hohe Stufe der Generativität erreicht.

Witzigerweise wurde der gleiche U-Form-Effekt der Zufriedenheit bei Primaten gefunden! Dies könnte darauf hindeuten, dass biologische Faktoren, zum Beispiel hormonelle Faktoren, bei der Midlife-Crisis eine Rolle spielen, nicht nur soziokulturelle Faktoren wie hohe Arbeitsbelastung und Verantwortung für aufwachsende Kinder und älter werdende Eltern in den mittleren Jahren.

Viele Filme und Komödien haben die Midlife-Crisis zum Thema, zum Beispiel der Film American Beauty, wo ein 42-jähriger Vater Lester eine Midlifecrisis durchmacht. Seine langweilige Arbeit macht ihn nicht glücklich. Von seiner Familie erfährt er weder Dankbarkeit noch Respekt für sich selbst als Mensch, nur das furchtbare Gefühl, bedeutungslos zu sein. Er verliebt sich in die beste Freundin seiner Teenager-Tochter…

„Mid-life crisis is what happens when you climb to the top of the ladder and discover it’s against the wrong wall.“ – Joseph Campbell

Aber es gibt viele Studien, die den Begriff der Midlife-Crisis ablehnen und eine andere Entwicklung der Entwicklung subjektiven Lebensglücks finden. Das Problem bei der Forschung zur Midlife-Crisis ist, dass verschiedene Generationen (Kohorten) miteinander verglichen werden. Wenn eine Langzeitstudie durchführt wird, in der eine ganz bestimmte Gruppe von Personen während des Lebens untersucht wird, kann (zumindest in bestimmten Kulturen) bei älteren Personen eine erhöhte Zufriedenheit im Leben festgestellt werden. (Siehe Scientific American, Most People Get Happier as They Approach Midlife.

Maria Trepp, Psychologin und Übersetzerin

 

Pluralistische Ignoranz

Pluralistische Ignoranz ist ein Begriff aus der Sozialpsychologie. Dieser Begriff beschreibt eine Situation, wo die Mehrheit der Gruppe ein Verhalten oder eine Meinung ablehnt, aber die Personen einzeln (und im Widerspruch zur Wirklichkeit!) davon überzeugt sind, dass die anderen Gruppenmitglieder das abgelehnte Verhalten oder die abgelehnte Meinung sehr wohl gut finden (oder auch umgekehrt: man selbst lehnt etwas ab, glaubt aber zu Unrecht, dass andere dies gut finden). Wenn Personen in einer Gruppe sich in einer unsicheren und schwer zu beurteilenden Situation befinden, und niemand weiß, wie man handeln soll, achtet man gern auf andere und deren Verhalten. Dieses Verhalten der anderen wird dann oft nicht als Unsicherheit interpretiert (während diese Interpretation auf der Hand liegt, wenn man auch unsicher selbst ist), sondern als Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Man interpretiert daher das Verhalten anderer, die sich gleich verhalten wie man selbst, anders als das eigene Verhalten und passt sich dann auch noch an die verkehrt aufgefasste allgemeine Meinung an. Unterschiede zwischen privater Meinung und öffentlichem Verhalten sind in der sozialpsychologischen Literatur als eine Form von sozialem Einfluss gut dokumentiert. Sozialer Einfluss spielt auch eine zentrale Rolle bei diesem Phänomen der pluralistischen Ignoranz.

Beispiele:

  1. Der Lehrer fragt, ob es irgendwelche Fragen gibt. Niemand sagt etwas. Viele Teilnehmer nehmen dies als ein Zeichen dafür, dass die anderen alles verstanden haben, und dies, während die anderen Teilnehmer auch unsicher sind oder Fragen haben und selbst auch auf die Reaktionen der Gruppe achten.
  2. Des Kaisers neue Kleider: das Märchen von Hans Christian Andersen: jeder sieht, dass der Kaiser keine Kleider hat, aber glaubt fälschlicherweise, dass die anderen Leute sehr wohl die Kleidung des Kaisers sehen können. Man sagt nichts, um nicht dumm oder abnormal zu erscheinen.

pluralistische Ignoranz Kaisers neue Kleider

  1. Trinkgewohnheiten unter Studenten und der Einfluss von Gleichaltrigen auf diese Gewohnheiten. Untersuchungen zu Alkoholkonsum unter Studenten haben gezeigt, dass die meisten Studenten der Meinung waren, dass ein durchschnittlicher Student  viel positiver gegenüber Alkoholkonsum stand als sie selbst … aber dies dachte die Mehrheit der Studenten, während es logisch nicht wahr sein kann, dass es für mehr als die Hälfte der Studenten gilt, dass der durchschnittliche Student Alkoholkonsum positiver bewertet als der Student selbst!

Siehe Deborah A. Prentice, Dale T. Miller, Pluralistic Ignorance and Alcohol Use on Campus
Some Consequences of Misperceiving the Social Norm, Journal of Personality and Social Psychology, February 1993 Vol. 64, No.
2, 243-256

  1. Viele Beispiele von Vorurteilen: eine aktuelle Studie zeigt, dass viele Amerikaner über Atheisten nicht negativ denken, aber (zu Unrecht) denken, dass ihr Umfeld negativer ist als sie selbst, und darum eine öffentliche ablehnende Haltung einnehmen. (When Private Reporting Is More Positive Than Public Reporting: Pluralistic Ignorance Towards Atheists)
  2. Das bekannteste Beispiel der pluralistischen Ignoranz ist der Zuschauereffekt. In einer Notsituation mit mehreren Zuschauern greift niemand ein, da jeder die zögerliche Nichteinmischung der anderen als eine bewusste Entscheidung versteht und daraus ableitet, dass Maßnahmen nicht erforderlich sind.
  3. Halbesleben et al. (2007) argumentieren, dass die pluralistische Ignoranz der Grund sein kann, dass Arbeitnehmer ihre wahre Meinung zu einem Thema nicht mit Kollegen teilen, weil man denkt, dass die Gruppenidentität verteidigt werden muss und dass die Gruppe stillschweigend eine andere Meinung hat als man selbst. Das Ergebnis ist dann eine höhere Belastung und ein geringerer Grad der Beteiligung bei den Mitarbeitern. Für die Organisation als Ganzes kann pluralistische Ignoranz zu einer schwachen Organisationskultur führen, die eigentlich nicht von den Mitgliedern der Organisation unterstützt wird. Dies kann zu schlechten Entscheidungen führen, weil die Mitarbeiter ihre eigenen Überzeugungen nicht zum Ausdruck bringen und sich an eine vermeintliche gemeinsame Meinung anpassen.

Halbesleben JRB, Wheeler AR, Buckley MR (2007) Understanding pluralistic ignorance: application and theory. Journal of Managerial Psychology 22(1):65–83

  1. In Smarter Than You Think: How Technology Is Changing Our Minds for the Betterbeschreibt Clive Thompson die systematische Verwendung von pluralistischer Ignoranz durch autoritäre Regimes. Wenn jeder denkt, dass andere das Regime tolerieren, wird niemand den Aufstand wagen (siehe auch die Kleidung des Kaisers). Clive Thompson meint, dass die Verbreitung der digitalen und sozialen Medien die pluralistische Ignoranz aufheben kann. Aktivisten und Unterstützer können nun miteinander über die (versteckten) Ziele, Aktionen und Meinungen kommunizieren.

Maria Trepp, Psychologin und Übersetzerin