Erlernte Hilflosigkeit: Psychologie und Folter

Erlernte Hilflosigkeit: Psychologie und Folter

Erlernte Hilflosigkeit“ ist eines der wichtigsten Konzepte in der klinischen Psychologie. Dieses Modell beschreibt die Entstehung von Depressionen als einen Lernprozess, wobei Menschen meinen, ihre Umgebung nicht beeinflussen zu können, auch dann, wenn sie dies aufgrund der Tatsachen eigentlich wohl könnten. Nach traumatisierenden Erfahrungen und Situationen mit Kontrollverlust unterschätzen Menschen später ihre tatsächlichen Einflussmöglichkeiten. Mithilfe von psychologischer Intervention können sie erneut lernen, Einfluss zu nehmen und ihr Leben zu kontrollieren.

Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit, die vielen Menschen geholfen hat, über kognitive Verhaltenstherapie ihre depressiven Beschwerden zu überwinden, geht zurück auf Martin Seligmanns Experimente mit Elektroschock bei Hunden.

seligman Erlernte Hilflosigkeit: Psychologie und Folter wikimedia

Martin Seligman

Wenn Hunde Elektroschocks in einer bestimmten Situation nicht vermeiden können, vermeiden sie diese auch später nicht mehr, selbst wenn dies dann möglich ist.  Diese schrecklichen Experimente an Tieren haben zu wichtigen Erkenntnissen in der Depressionsforschung geführt. Menschen können die gelernte Hilflosigkeit überwinden und lernen, nach Traumen oder realem Kontrollverlust ihre Einflussmöglichkeiten zurückzugewinnen, und können sich so emotional, kognitiv und sozial wieder erholen und ihr Verhalten an die realen Möglichkeiten anpassen.

Doch hat die grausame Basis der Erkenntnisse, nämlich die Folter an Tieren, inzwischen auch zu schrecklichen Folgen in der Menschenwelt geführt. Während Seligmann selbst sich jetzt ganz der positiven Psychologie widmet,

 

wurden seine  Erkenntnisse vom US-Militär als äußerst interessant beurteilt und in Zusammenarbeit mit Psychologen der APA (American Psychological Association, dem sehr einflussreichen nordamerikanischen Fachverband für Psychologie, deren Vorsitzender Seligmann auch zeitweise war) zum Entwerfen von Foltersituationen, sogenannter weißer Folter (Schlafentzug, Waterboarding etc ) genutzt.

Ein neuer unabhängiger Bericht (Titel ALL THE PRESIDENT’S PSYCHOLOGISTS, von Autoren unter der Leitung des ehemaligen Bundesanwalt David Hoffman) behauptet, dass die American Psychological Association (APA) während der Bush-Ära in der Folge der Terroranschläge 9/11 heimlich mit Regierungsbeamten daran arbeitete, eine ethische Rechtfertigung der Folter-Programme für Gefangene zu schaffen. Die Autoren analysierten rund 600 neu veröffentlichte E-Mails, die zeigen, dass dies alles geschah nach der erhöhten Aufmerksamkeit der Medien für Verhörmethoden, im Zusammenhang mit der Offenbarung des Missbrauchs im Gefängnis Abu Ghraib im Irak.

Der Bericht kommt zu dem Schluss:  „Die APA hat sich heimlich mit Beamten des CIA, dem Weißen Haus und dem Verteidigungsministerium abgestimmt, um eine Ethik-Politik für Verhöre der Sicherheitsdienste zu schaffen, die sich mit der damals geheimen rechtlichen Orientierungshilfe zur Ermächtigung des CIA-Folterprogramms vertrugen.“

Die Autoren hoffen, dass ihre Untersuchung dazu beitragen wird, die Bedeutung der Psychologie neu zu definieren, und warnen, dass Menschen Vertrauen verlieren werden in den Berufsstand, wenn Psychologen Menschen auch absichtlich Schmerzen zufügen – und dies ganz unabhängig vom individuellen Hintergrund oder den Motiven des betreffenden gefolterten Individuums.

Das vollständige Dokument basiert sich auf die Überprüfung von mehr als 50.000 Dokumenten, und weit über 200 Interviews von 148 Menschen und rechtfertigt die langjährigen Kritiker der APA in dieser Frage.

Die Prioritäten der APA waren anscheinend PR-Strategie und das Wachstum des Berufsstand der Psychologen, anstatt das Wohlergehen der verhörten Personen. Der Bericht stellt fest, dass viele E-Mails und Diskussionen von der gesellschaftlichen Stellung und von Positionierungsfragen der APA handeln, und davon, wie die APA ihren Einfluss maximieren kann und die positive Beziehung mit dem Verteidigungsministerium ausbauen kann. Viele E-Mails und Diskussionen handeln davon, was die Medienstrategie der APA sein sollte in einem Medienumfeld, das als „feindlich“ wahrgenommen wurde. Es gebe kaum Hinweise auf Reflexionen, Analysen oder Diskussionen über die beste oder richtige ethische Position in Anbetracht der Art des Berufs und der besonderen Kenntnisse, die Psychologen haben zu Funktionen von Gedanken und Emotionen; Fähigkeiten, die es Psychologen ermöglichen, sowohl zu heilen als auch zu schaden.

Zwei Psychologen, James Mitchell und Bruce Jessen, entwickelten auf Basis der Theorie von der „erlernten Hilflosigkeit“ eine Reihe von Zwangstechniken und führten auch persönlich Verhöre durch, in denen sie einige CIA-Gefangene folterten.  Sie verdienten Millionen Dollar für diese Dienste.

Die beiden Psychologen hatten keine Erfahrung als Verhörleiter, keine spezielle Kenntnisse von Al Qaeda, keinen Hintergrund in der Terrorismusbekämpfung, und keine relevanten kulturellen oder sprachlichen Kompetenzen. Es gibt übrigens keinen Beweis, dass die von ihnen benutzten Methoden auf Basis von „erlernter Hilflosigkeit“ nützliche Informationen produzierten oder überhaupt produzieren könnten. Im Gegenteil, psychologische Forschung zeigt, dass Folter keine verwendbaren Fakten zutage fördert.

Die APA entschuldigt sich jetzt auf der eigenen Website für „zutiefst beunruhigende“ Resultate und Organisationsfehler; und gibt erste Richtlinien- und Verfahrenshandlungen bekannt, um diese schweren Mängel zu korrigieren.

Siehe auch: Tortured by Psychologists and Doctors

Maria Trepp Übersetzerin Psychologin

 

 

 

 

 

 

Autor: Administrator

www.maria-trepp.nl

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